Ein Garten für den Geliebten

An der Landstraße zwischen Schmölln und Ronneburg inThüringen, umgeben von den weiten Feldern des Altenburger Landes, liegt auf einer Anhöhe der Park Tannenfeld. Herzogin Anna Dorothea von Kurland, von 1796 bis 1821 Eigentümerin des naheliegenden Gutes Löbichau, zu dem das Tannenfelder Grundstück gehörte, ließ hier um 1800 für ihren Geliebten, den polnischen Grafen Alexander Batowski (1760 – 1841), ein zweistöckiges Schlösschen bauen.

Dieses Refugium bot Batowski Rückzugsmöglichkeiten vom Trubel in der Löbichauer Hauptresidenz – mit teilweise über 100 Gästen, zu denen auch Goethe und der russische Zar Alexander gehörten. Anna Dorothea (1761 – 1821) hatte nach dem Verlust des kurländischen Herzogtums (heute Lettland) an Russland und der Trennung von ihrem Mann ihren Lebensmittelpunkt in das Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg in der Mitte Europas verlegt.

„Als der Graf den Wunsch äußerte, eine Wohnung für sich alleine zu haben, beeilte sich Dorothea, auf einer kleinen Anhöhe, … in einem reizenden Gartenwalde einen Platz für ein Schlösschen auszusuchen…,“ hielt der  Schriftsteller Clemens Brühl das Ereignis später in seiner Biografie der Familie „Die Sagan“ fest.

Mit dem Spatenstich für das zweistöckige Schlösschen im klassizistischen Stil begann Ende des 18. Jahrhunderts die Entwicklung des Parks Tannenfeld. Das neue Gebäude, mit einer wunderschönen Aussicht über den hügeligen Landstrich bis zur Burg Posterstein und dem fernen Erzgebirge, wurde, wie der befreundete Schriftsteller Christoph A. Tiedge schrieb, unter Einbeziehung „alter Baumgruppen“, in einen neu gestalteten Park in landschaftlicher Manier eingebettet.

Ein halbe Stunde von Löbichau entfernt, führte an der Chaussee zwischen Ronneburg und Schmölln an einem Pförtnerhäuschen vorbei eine von Italienischen Pappeln gesäumte Allee in den Park. Sandige Wege schlängelten sich durch den Park auf denen Gäste bei Spaziergängen flanieren konnten. Ihr Weg führte sie entlang von Baum- und Strauchgruppen, Blumenbosketts und sentimental-romantischen Gedenksteine. Ein schmaler Bach durchfloss den Wiesengrund im Park und mündete in einem Teich. In dessen Mitte erhob sich auf einer Insel eine sogenannte „Eremitage“, eine aus Felsen geformte Grotte. Den Talgrund wieder verlassend, gelangte man am „Roten Haus“, dem ältesten Gebäude im Park, und am kleinen Wirtschaftshof mit Ställen und Remisen vorbei zum Schloss.

Als die Beziehung zwischen der Herzogin und dem Grafen 1805 endete, zog die jüngste Tochter Dorothée mit ihrem Erzieher Abbé Piattoli in Tannenfeld ein. In den für das kulturelle Leben in Löbichau so berühmten Jahren des „Musenhofes“ von 1819 bis 1821, genoss die Familie der Herzogin, die in Tannenfeld im Sommer Residenz bezogen hatte, die Ruhe des Parks.

Nach dem Tod der Herzogin 1821 endete das muntere Treiben in Schloss und Park. Um 1845 lebte nur die Gärtnerfamilie, die sich auch um Löbichau kümmerte, und eine alte Kastellanin in Tannenfeld.

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Erst 1899 zog wieder Leben ein. Die Erben, Luise und Wolf von Tümpling auf Thalstein bei Jena inserierten damals in der Zeitung: „Zu verkaufen! (zur Einrichtung eines Sanatoriums sehr geeignet) Das Schlösschen zu Tannenfeld…“ Am 1. Mai 1899 unterschrieb der neue Besitzer den Kaufvertrag und am 25. Juli erhielt der Leipziger Arzt Dr. med. P. F. Arthur Tecklenburg vom Landratsamt des Herzogtums Sachsen-Altenburg die Erlaubnis zur Errichtung einer „Heil- und Pflegeanstalt für Gemüts- und Nervenkranke.“

Bereits im folgenden Jahr begann Dr. Tecklenburg mit der Erweiterung der Bausubstanz. Neben Schlösschen und Rotem Haus, die als Kranken-Villen für Damen und Herren genutzt wurden, entstanden zwischen 1900 und 1910 weitere drei Patienten-Villen und ein Haus mit Arztwohnung für den gehobenen Anspruch. Den Umbau des Roten Hauses und den Neubau der ersten Villa übernahm der Leipziger Architekt Anton Käppler. Für alle weiteren Planungen zeichnete sich Rudolf Schmidt, ein namhafter Architekt aus Gera, verantwortlich. Er entwarf die im Stil der Zeit gestalteten Gebäude nach neuesten technisch-funktionalen Ansprüchen.

Umbauten an den bestehenden Gebäuden und Neubauten von Kranken-Villen wurden mit viel Fingerspitzengefühl vorgenommen und in die bestehende Parklandschaft eingefügt. So blieb der ursprüngliche Charakter der Anlage im Großen und Ganzen erhalten.

Ergänzungen und Erweiterungen wie das Parterre am Schlösschen und die neuen gärtnerischen Flächen wurden im „gemischten Stil“ ausgeführt. Für das Parterre am 1909/1910 erweiterten Schlösschen war der Geraer Garteningenieur August Stapel verantwortlich. Er entwarf eine symmetrische Anlage mit Wasserbecken, Blumen- und Rasenflächen, Eibenkegeln und einem mehrstufigen Podest, von dem man die Aussicht nach Süden genießen konnte.

In Anlehnung an die Gebäudenamen eines Klinikums des bekannten Psychologieprofessors und Tecklenburg-Förderers Dr. Binswanger erhielten die Häuser die Bezeichnungen Planegg, Waldegg, Talegg, Brunnegg und Tannegg (ehemals „Rotes Haus“).

Zur Versorgung des wachsenden Sanatoriumskomplexes wurde auf angrenzenden, noch unbebauten Grundstücken Wirtschaftsanlagen wie ein Wasserturm, Kraftanlagen, Wasch- und Gewächshaus, Schweine- und Hühnerstall errichtet. Dazu kamen weitere Flächen zur gärtnerischen Nutzung wie Streuobstwiesen und Gemüsebeete.

Um die Ruhe im Wiesengrund ungestört zu nutzen und die neuen Wirtschaftsanlagen leichter erreichen zu können, wurde das Anwesen durch eine neue Straße erschlossen.

Der erfolgreiche Sanatoriumsbetrieb in Tannenfeld zog so bekannte Zeitgenossen wie den Schriftsteller Hans Fallada an, der sich hier 1912 und 1919 unter seinem bürgerlichen Namen Rudolf Dietzen behandeln ließ.

Harte Einschnitte erfuhr das Sanatorium durch den 1. Weltkrieg, die der Familienbetrieb jedoch lösen konnte. Erst durch die Veränderungen nach dem 2. Weltkrieg kam es 1949 zum zwangsweisen Verkauf. Am 1. Mai übernahm die Sozialversicherungsanstalt Thüringen den Klinikkomplex. 1951 eröffnete das Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, das bis Mitte der 80 Jahre Bestand hatte. Bis 1990 war in Tannenfeld eine Reha-Klinik untergebracht und von 1992 bis 2004 ein Alters- und Pflegeheim.

Kinotipp: Der Stil und die besondere Atmosphäre Tannenfelds zogen 2011 ein Filmteam um Dieter Hallervorden nach Tannenfeld, die hier den Film „Das Mädchen und der Tod“ drehten.

1983 führte der „Zentrale Arbeitskreis Rhododendron“ des zentralen Fachausschusses Dendrologie und Gartenarchitektur des Kulturbundes der DDR im Park Tannenfeld ein Pflegeseminar durch. Die bereits seit der Zeit Tecklenburgs bestehenden alten Rhododendron- und Azaleenbestände in 30 Sorten ergänzten die Teilnehmer um weitere Sorten.

Im Frühjahr laden die riesigen Narzissenteppiche zum Spaziergang durch die Anlage ein. Besondere Attraktionen sind die immergrünen Rhododendren und sommergrünen Azaleen, die den Park im Mai/Juni in ein Meer aus Farben verwandeln. Zu bewundern sind auch mehrere botanische Raritäten: Blauglockenbaum, Tulpenbaum, Ess-Kastanie, Säulen-Eiche oder Sumpfzypresse.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Bernd Nienhold sagt:

    Ein sehr schöner, stimmungsvoller Blogbeitrag !Tannenfeld zur Rhododendronblüte ist immer einen Besuch wert

    Gefällt 1 Person

  2. Marlene sagt:

    Das macht richtig Lust auf einen Spaziergang durch Tannenfeld. Und richtig viele Infos und Bücher zur Geschichte des Musenhofs Löbichau gibt es natürlich im Museum Burg Posterstein: http://www.burg-posterstein,.de
    Viele Grüße, Marlene

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  3. philaeblog sagt:

    Ein wunderschöner und stimmungsvoller Blogbeitrag – informativ und Lust auf mehr machend.

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