Des Ministers Gärten

Als mittleres von 19 Kindern wird (Jo)hann(e)s Wilhelm von Thümmel 1744 in Schönefeld bei Leipzig als Sohn des kurfürstlich-sächsischen Landkammerrats Karl Heinrich von Thümmel (1710-1788) und Ludomilla Charlotte Sabine (1711-1785) geboren. Nach einem, aus Geldmangel, abgebrochenem Studium, bekommt der junge Thümmel eine Pagenstelle bei Herzogin Luise Dorothea (1710–1767) am Sächsisch-Gothaischen Hof. Die Herzogin, eine geborene Prinzessin von Meiningen, führt einen glänzenden Hofstaat. Durch ihr Wirken avanciert Gotha zu einem Zentrum der deutschen Aufklärung.

1765 steigt Thümmel zum Kammerjunker an der Kammer in Gotha auf und freundet sich mit den beiden fast gleichaltrigen Prinzen Ernst (1745-1804) und August (1747-1806) an. Bereits in jungen Jahren ist er mit dem englischen Lord Villiers (späterer Herzog von Grandison) in Deutschland, der Schweiz und Italien auf Reisen (1768/69). 1771 und 1772 begleitet er den gothaischen Prinzen August auf dessen Grand Tour nach Italien. Gemeinsam studieren sie u.a. die klassische Architektur Andrea Palladios (1508–1580). Zwischen 1780 und 1783 lässt Thümmel im Auftrag von August in Gotha das „Prinzenpalais“ errichten.

Am 1. Oktober 1783 wird Thümmel von Herzog Ernst II. zum Kammervizepräsidenten im Landesteil Altenburg ernannt; am 29. November 1790 dann zum Kammerpräsidenten, 1791 zum Geheimen Rat und 1804 unter Herzog August zum Minister. 34 Jahre nimmt er hier umfangreiche Aufgaben der Landesverwaltung wahr, vom Finanz-, über das Vermessungs-, bis zum Armenwesen. „In Altenburg war er schon immer um die Verschönerung der Stadt und deren nächster Umgebung bemüht gewesen.“
Nachdem er 1785 Charlotte Friederike Caroline Freiin von Rothkirch und Trach (1765–1839) geheiratet hat, gelangen auch die Rittergüter Nöbdenitz, sein späterer Alterssitz, und Untschen mit in seinen Besitz.

Seine zahlreichen diplomatischen Reisen im Auftrag der Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg an die Höfe Europas nutzt er auch zum Studium der Architektur und Gartenkultur, wie Tagebuchaufzeichnungen aus seiner Pariser Zeit (1807/08) belegen.

Thümmel und die Gartenkunst

Hans Wilhelm von Thümmel ist im Altenburger Land an verschiedenen Orten auf gartenkünstlerischem Gebiet tätig. Zu seinen Schöpfungen zählen sein Garten mit Palais in Altenburg, die landschaftlichen Anlagen der Rittergüter in Nöbdenitz und Untschen, die polnische Hütte in Münsa, der Altenburger Schlosspark sowie die mit Obstbäumen bestandenen Chausseen im Herzogtum.

Auch wenn die Spuren seines Werks heute zum Großteil nur noch in historischen Text- und Bildquellen zu finden sind, so kann man allein auf Grund dieser Zeugnisse sagen, dass die Gärten des Ministers von hoher gartenkünstlerischer Qualität und ein genauer Spiegel ihrer Zeit sind. Sie sind nicht nur als Erholungs- und Vergnügungsorte im Grünen, sondern auch als Bildungsorte zu verstehen: als Gärten der Aufklärung – im besten Sinn.

Ein gut regiertes Land ist ein blühendes Land

Ihren Ursprung haben die Gärten der Aufklärung im 18. Jahrhundert in England. Um 1710 beginnt ihre Entwicklung mit Beschreibungen von Philosophen und Schriftstellern in Zeitschriften, zwanzig Jahre später sind vereinzelt erste Anlagen entstanden, die sich zur Mitte des 18. Jahrhunderts in ganz England ausgebreitet haben und um 1770 auch in Europa ihren Siegeszug antreten. Als Landschaftsgärten haben sie unsere „Sicht auf die Natur, auf unsere Rolle in der Welt und auf die Wirkung von Kunst und Ästhetik“ revolutioniert.

Denn auf dem Weg „aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant, 1724–1804) bekommt die Gartenkunst eine herausragende Funktion zugewiesen: als Träger und Vermittler von Erkenntnis und Bildung. „Keiner Epoche in der europäischen Kulturgeschichte waren die Gärten so wichtig wie dem 18. Jahrhundert“, fasst der Gartentheoretiker Hans von Trotha ihre Bedeutung zusammen.

Es ist dieses Modell des englischen Gartens, das Europa verändert. Auch die herzogliche Familie von Gotha-Altenburg steht den neuen Einflüssen offen gegenüber, „gilt doch ein gut regiertes Land auch als ein blühendes Land“. In einem Garten-Reich soll das „Ideal der Fürstenerziehung und der vernünftigen Herrschaft“ Gestalt annehmen.

Bereits 1766 hat der Erbprinz und spätere Herzog Ernst II. (1745–1804) den Auftrag zur Anlage eines neuen Gartens in Gotha gegeben. Zwei Jahre später soll dieser, unter dem Eindruck der Grand Tour des Erbprinzen 1768 nach England, als englischer Garten angelegt werden. Dafür ist der Londoner Hofgärtner John Haverfield J. (1741/4–1820) aus Kew Gardens nach Gotha gekommen.

Auch in Altenburg nutzt Hans Wilhelm von Thümmel die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung des Herzogtums. Als bedeutender Staatsbeamter im Herzogtum Sachsen-Gotha und Altenburg ist er mit den neuen gesellschaftlichen, politischen und philosophischen Tendenzen vertraut. Zahlreiche Reisen, ein umfangreiches Literaturstudium und der ausführliche Austausch mit Gleichgesinnten legen den Grundstein für seine umfassende, zukunftsorientierte Arbeit.

Thümmels Privatgarten in Altenburg

Anfang des 19. Jahrhunderts gilt der Garten Hans Wilhelm von Thümmels als die wichtigste Sehenswürdigkeit von Altenburg und „war im ganzen Lande berühmt“. Mit Stolz führten Altenburger ihre Gäste in den Thümmelschen Garten „mit seiner ganzen Lieblichkeit, mit seinen Grotten, Verstecken, seinem Sonnenlicht, seinen Wiesen und Blumen, seinem Vogelsang und Wasserplätschern.“
In seiner endgültigen Ausdehnung wird das langgezogene, von Norden nach Süden hin abfallende Parkgrundstück, von drei Straßen begrenzt und von einer Mauer mit sieben Toren umschlossen.

An der höchsten Stelle des Geländes, mit dem besten Ausblick auf Altenburg, lässt Thümmel ab 1788 eine zweigeschossige Villa im Stil des italienischen Klassizismus errichten. Der Haupteingang des Palais, der über einige Stufen und unter einem von vier Säulen getragenen Balkon liegt, befindet sich auf der Gartenseite des Gebäudes. Zwei Löwen auf Sockeln rahmen ihn ein.

Den Gästen bieten sich abwechslungsreiche, erholsame Spaziergänge durch den Park entlang der „Teiche, Standbilder, Fernblicke und Häuser in verschiedenen Stilen“, aber auch zur inneren Einsicht, denn zahlreiche Inschriften zierten Gebäude und Baumgruppen.
Schattige Wege führen unter den Linden und Buchen dahin. Ahorn, Pappeln, Eichen, Akazien und Rüstern mischen sich ein. Steinerne Bänke vor luftigen Blumenbeeten laden zum Ruhen ein. Vorm Haus sprudelt ein wundervoll schlichter, kreisrunder Springbrunnen. Gruppen von kleinen Fichten schließen sich an. Grotten, Lusthäuschen in verschiedenen Stilen, große und kleine Teiche wechseln sich ab.“

Da der herzogliche Hof in Gotha residiert, hat das Haus des höchsten Staatsbeamten in Altenburg eine herausragende Stellung. Hier konzentriert sich unter anderem das gesellschaftliche Leben. Beamte, Professoren, Bankiers, Ärzte, Verleger und Künstler treffen sich regelmäßig zur „Theegesellschaft“ in Thümmels Palais und Garten. Daneben gibt es auch größere Gesellschaften, zu denen über 100 Personen aus dem adligen und bürgerlichen Stand eingeladen sind.
Der Park dient dabei auch als „Schutzraum für Gleichgesinnte im Kampf um die bessere Ordnung, als ideale Welt, in der die richtigen Gedanken herrschen, eine gute Politik propagiert wird und der Geist der Freiheit weht“.

Das „prächtigste“ Haus im Park ist ein dreigeschossiges Gebäude, das 1813 von Heinrich Wilhelm Schmidt erbaut wird. Es wird „Kachelhaus“ oder „Türkischer Pavillon“ genannt, da es „von oben bis unten mit weißen und roten Kacheln beschlagen“ und „im maurischen Stil“ gehalten ist. Im Erdgeschoss befinden sich Pferdeställe und ein Wagenschuppen, im mittleren Stock ein Bad und in der dritten Etage ein großer Saal. Das Dach ist flach und mit einem Geländer umgeben. Von hier aus kann man den Park, den großen Teich, den Nikolaiturm und die Altstadt von Altenburg überblicken.

Dem „empfindsamen Bildungsauftrag“ des Gartens folgend, ist Thümmels Park der Öffentlichkeit zugänglich. In der „konzentrierten, schönen äußeren Natur“ soll, nach dem Programm der Aufklärung, „die innere Natur des Menschen verbessert“ werden.

Allerdings hat Hans Wilhelm von Thümmel nicht mit dem folgenden Maß an Vandalismus und Diebstahl gerechnet. In der Konsequenz schließt er den Garten wieder und erlaubt die Besichtigung nur noch nach einer Anmeldung bei seinen Dienstboten.

Rittergut Nöbdenitz: Ruhe im Alter

Auch auf seinem Rittergut in Nöbdenitz lässt Thümmel den Garten in landschaftlicher Manier gestalten und mit verschiedenen Bauwerken ausstatten.

Zwischen dem Mühlgraben, der am Sprottewehr abgeleitet wird, und dem großen Teich liegt ein regelmäßig gestalteter Garten. Dahinter beginnen die landschaftlich gestalteten Partien, deren Gehölzgruppen schattige Spaziergänge erlauben. Diese Partie wird von den Felsgruppen des Nöbdenitzer Holzes abgeschlossen, die geschickt in die Parkgestaltung einbezogen werden.

„Der natürliche Anschein ist dabei eine gezielt gesteuerte optische Täuschung.“ (Hans von Trotha)

Neben dem Wehr am Mühlgraben ist eine Einsiedelei errichtet worden, ein beliebtes Motiv in den Gärten der Aufklärung: ein stiller Rückzugsort inmitten der Natur, um hier Zwiesprache mit sich selbst, der Natur und Gott führen zu können. Ein Ort der inneren Einkehr und Erkenntnis abseits des geschäftigen Alltagstrubels.

Freunde der Familie von Thümmel, wie die Herzogin von Kurland aus dem nahen Löbichau, kommen gern nach Nöbdenitz, um auf dem Teich zu segeln und den Blick auf das alte und neue Schloss zu genießen. Ein Fußweg entlang des Nordufers des großen Teichs lädt zum Flanieren ein.

Gustav Partheys Schwester Lili (1800 – 1829) schreibt über ihren Besuch in Nöbdenitz in ihrem Tagebuch: „Den 24. war ich mit Mutter, Gustav, Fritz und Moritz in Nöbdenitz bei Thümmels. Nach dem Essen setzten wir junges Volk uns in den Kahn und segelten auf dem Teich herum. Wir viel Vergnügen wir dabei hatten, kannst du dir gar nicht vorstellen. Wir lieferten uns kleine Seeschlachten und haben viel gelacht, bis endlich Frau von Thümmel uns an das Land rief, um mit uns nach Tannenfeld zu gehen.“

Ein ungewöhnliches Grab

Am 1. März 1824 stirbt Hans Wilhelm von Thümmel im Alter von 80 Jahren. Seinem letzten Willen entsprechend, wird er am 3. März in der alten Eiche von Nöbdenitz begraben. Die außergewöhnliche Grabstätte hatte Thümmel der Pfarrgemeinde abgekauft, um sich auf Bewilligung der herzoglichen Regierung in einer ausgemauerten Grabgruft in den Wurzeln des Baumes beisetzen zu lassen. „Der Minister hatte angeordnet, dass man ihn unter der Eiche begraben sollte, damit seine irdischen Überreste unweit als sprossende Zweige und grüne Blätter an die freie Himmelsluft hinausgelangen möchten […]“, erklärt Gustav Parthey (1798 – 1872) in seinem Tagebuch von 1812 rückblickend Thümmels Wunsch.

Bereits in seinen Gärten ist Hans Wilhelm von Thümmel dem Leitspruch der Aufklärer zum „Zurück zur Natur“ (Jean-Jacques Rousseau) gefolgt. Und auch in seinem Grabmal wählt er konsequent für sich einen Begräbnisort, der eng mit der Natur verbunden war. Ein Phänomen, dass auch stark mit der Entwicklung des Landschaftsgartens und dessen Gestaltungs- und Wahrnehmungsprinzipien verknüpft ist. Denn Beisetzungen und Grabstätten außerhalb eines kirchlichen Sakralraums gewinnt erst mit den Gedanken der Aufklärung und der Entstehung des Landschaftsgartens im 18. Jahrhundert an Bedeutung. Hans Wilhelm von Thümmel folgt mit seinem Wunsch, sich in einer alten Eiche beisetzen zu lassen, diesem Beispiel, das dem Zeitgeist und dieser neuen Begräbniskultur entspricht. In dem Baum, in welchem Thümmel zuvor gefrühstückt und seine Aphorismen verfasst hat, will er auch seine letzte Ruhestatt wissen.

Quelle: Museum Burg Posterstein (Hrsg.):  Katalog zur Sonderausstellung „Im Dienste der Ernestiner: Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister“ (26. Juni – 31. Oktober 2016). 168 Seiten, farbig, ISBN 978-3-86104-136-8, 20.00 Euro.

Das 168 Seiten starke Begleitbuch zur Sonderausstellung beinhaltet Beiträge von neun verschiedenen Autoren und umspannt thematisch Thümmels gesamte berufliche Laufbahn vom Pagen der Herzogin Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg zum Minister und Geheimen Rat unter Herzog August.
Christiane Nienhold: „Bildung im Grünen. Hans Wilhelm von Thümmel und seine Gärten“
Christiane Nienhold und Franziska Engemann: „Der Mann unter der 1000-jährigen Eiche. Eine neue Grabkultur“

 

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Marlene sagt:

    Liebe Christiane,
    vielen Dank für den tollen Artikel mit vielen wunderbaren Bildern und den Hinweis auf das zugehörige Buch. Wir freuen uns wirklich sehr, dass du mit einem Kapitel zur Gartenkultur beigetragen hast!
    Viele Grüße,
    Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

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    1. Liebe Marlene, gern geschehen. Beim Titelbild vom Nöbdenitzer Teich (übrigens ein Glückstreffer beim Vorbeiradeln auf dem Sprotteradweg zur richtigen Zeit von 2006) kann man sich den Spaß beim Segeln gut vorstellen, finde ich.
      Ich habe gern zu eurem Buch beigetragen. Das Thema hat sich ja letztendlich, wie ihr selbst gemerkt habt, als sehr spannend und umfangreich herausgestellt.
      Es ist immer wieder interessant, welche „Schätze“ es hier und da noch zu heben gibt.
      Viele Grüße, Christiane (von der LandKultur ;-))

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  2. Marlene sagt:

    Da fällt mir noch ein schönes Gartenprojekt ein, dass dich interessieren könnte. Findet aber v.a. auf Twitter statt – am 8.10. #Lustwandeln durch Barockgarten: https://storify.com/TanjaPraske/vorbrennen-zum-lustwandeln-beim-blauen-kurfursten-

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  3. Liebe Christiane,

    was für eine interessante Biografie. Danke dafür! Wirklich schade, dass ich einen Besuch der Ausstellung nicht mehr schaffen werde.

    Beste Grüße
    Xenia

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    1. Liebe Xenia, ja, das wird jetzt doch etwas knapp, aber wir haben den ganzen Sommer am Buch geschrieben, so dass ich auch erst jetzt den Beitrag bloggen konnte. Auf dem Blog von Burg Posterstein https://burgposterstein.wordpress.com/ gibt es zur Ausstellung aber auch noch interessante Beiträge. Alternativ gibt es jetzt auch noch das Buch.
      Danke für dein Interesse.
      Herzliche Grüße, Christiane

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