Erde zu Erde

Der „Seelenmonat“ November schenkt uns mit seiner nebligen Ruhe und seinen Gedenktagen wie dem Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt, die nötige Muße, uns Gedanken über das Leben zu machen, über das Werden und Vergehen, also auch über den Tod, der zum Leben dazugehört.

Unsere Begräbnisrituale waren dabei auch immer wieder Veränderungen unterworfen. Im Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts zog es den Adel z.B. im Zuge der Aufklärung aus der „Kirchen ehrwürdiger Nacht“ hinaus in den Schoß der Natur, ganz genau in die ideal gestaltete Natur des Landschaftsgartens.

Auf die Spitze treiben konnte das 1824 der sächsisch-gothaische Minister Hans Wilhelm von Thümmel mit seinem Grab in einer hohlen Eiche: „Der Minister hatte angeordnet, dass man ihn unter der Eiche begraben sollte, damit seine irdischen Überreste unweit als sprossende Zweige und grüne Blätter an die freie Himmelsluft hinausgelangen möchten …“, erklärte der Berliner Altertumsforscher und Buchhändler Gustav Parthey (1798 – 1872) in seinem Tagebuch von 1812 den Wunsch des sächsisch-gothaischen Ministers Hans Wilhelm Thümmel, sich in einer alten, hohlen Eiche begraben zu lassen. (Parthey Gustav: Jugenderinnerungen. Ernst Friedel (Hrsg.), Berlin 1907)

Bereits in seinen Gartengestaltungen war Hans Wilhelm von Thümmel dem Leitspruch der Aufklärer zum „Zurück zur Natur“ (Jean-Jacques Rousseau) gefolgt. Und auch in seinem Grabmal wählte er konsequent für sich einen Begräbnisort, der eng mit der Natur verbunden war. Ein Phänomen, dass auch stark mit der Entwicklung des Landschaftsgartens und dessen Gestaltungs- und Wahrnehmungsprinzipien verknüpft war. Denn Beisetzungen und Grabstätten außerhalb eines kirchlichen Sakralraums gewannen erst mit den Gedanken der Aufklärung und der Entstehung des Landschaftsgartens im 18. Jahrhundert an Bedeutung.
(Sascha Winter: Bestattungsformen, Begräbnisriten und Grabkulte in Gärten und Parks des 18. Jahrhunderts. S. 126 Aus: Gärten und Parks als Lebens- und Erlebnisraum. Stefan Schweizer (Hrsg.). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms. 2008)

So entstanden im deutschen Raum mit den ersten Landschaftsgärten ab 1770 vermehrt Begräbnisstätten in Gärten und Parks. Sie waren ein Gegenprogramm zur „barbarischen Gewohnheit […] nahe an den Wohnhäusern in den Städten, und selbst in den Tempeln der Gottheit, Leichname verfaulen zu lassen“, wie es der Gartentheoretiker Christian Cay Lorenz Hirschfeld in seiner „Theorie der Gartenkunst“ verurteilte. (Christian Cay Lorenz Hirschfeld: Theorie der Gartenkunst. Leipzig, 1779 – 1785.)

„Gerne gebe ich meinen Lebensodem der wohltätigen Natur zurück, die ihm mir gütig verliehen hat …“, begründete der preußische König Friedrich II. 1752 seinen Wunsch nach einer Beisetzung in einer Gartengruft in Sanssouci, der ihm von seinen Erben allerdings nicht gewährt wurde.

„Hier in der Werkstätte der Natur, […] wo sich alles vom Tode zum Leben hindurch arbeitet [..] Hier erscheint der Tod nicht als schrekkendes Gerippe […], nein, als Engel mit Rosenwangen […]“, betonte der Pfarrer in seiner Trauerrede für die 1797 in der Familiengrablege im Schlossgarten von Lütetsburg in Ostfriesland bestattete Gräfin Sophie von Inn- und Knyphausen.(Sascha Winter: Bestattungsformen, Begräbnisriten und Grabkulte in Gärten und Parks des 18. Jahrhunderts. Aus: Gärten und Parks als Lebens- und Erlebnisraum. Stefan Schweizer (Hrsg.). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms. 2008)

Während der Verstorbene mit der Entscheidung für ein Gartengrab sicher gehen wollte, mit dem immer währenden Kreislauf der Natur vereint zu sein, nachdem Tod nicht Tod sei, sondern nur Veredlung sterblicher Natur, sollten Familie und Freunde darin einen angemessenen und ruhigen Erinnerungsort für ihre Trauer und ihr Gedenken, ohne öffentliche Zurschaustellung, finden.
Auch die Begräbnis-Zeremonien, oft mitten in der Nacht bei Fackelschein abgehalten, waren schlicht in der Ausführung.

Das Formen-Repertoire der Grabstätten reichte dabei von historisierenden Formen, wie Pyramiden, Kapellen oder Obelisken, bis zu einfachen Grabhügeln mit Blumen- und Baumschmuck wie Nadelhölzern, Pappeln, Trauerweiden und Hängebirken. Einige Grabstätten waren weithin sichtbar platziert, während andere auf nur eingeschränkt oder gar nicht zugänglichen Inseln lagen.

Für diese Variante hatte sich auch Herzog Ernst II. (1745 – 1804) von Sachsen-Gotha-Altenburg entschieden. 1779 ließ Herzog Ernst II. auf einer Insel im englischen Garten von Gotha für den verstorbenen Erbprinzen Ernst eine Gruft einrichten und darin auch den bereits 1777 verstorbenen Bruder Ludwig begraben. Zwei Jahre später wurde neben den Gräbern eine Granitsäule mit einer Marmor-Urne aufgestellt. (Sascha Winter: „Die ‚Heilige Insel‘ im Englischen Garten in Gotha“. Aus: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha (Hrsg.) „Im Reich der Göttin Freiheit. Gothas fürstliche Gärten in 5 Jahrhunderten.“ Hain Verlag, Weimar, 2007)

Per Testament legte Herzog Ernst 1799 fest, dass auch er auf der mit Tränenweiden, Hängebirken und Tannen bepflanzten „Heiligen Insel“ inmitten des Parksees bestattet werden sollte.
Um seine „Auflösung“ nicht aufzuhalten, verlangte er „aus dem Sarge genommen in ein leinenes Tuch in gewöhnlicher alltäglicher Kleidung gewickelt und solchergestalt in die blanke Erde begraben zu werden. […] und ich, der ich aus Erde entstanden bin, will wiederum zur Erde werden.“ (Sascha Winter: Bestattungsformen, Begräbnisriten und Grabkulte in Gärten und Parks des 18. Jahrhunderts. S. 126 Aus: Gärten und Parks als Lebens- und Erlebnisraum. Stefan Schweizer (Hrsg.). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms. 2008)

Außerdem verbat er sich jegliches Denkmal und erlaubte nur einen Baum als Grabschmuck. Als Zeichen der Unsterblichkeit pflanzten ehemalige Freimauerbrüder des Herzogs 1819 eine Akazie auf das Grab. Einige Jahre war die Gartengrablege mit einer Gondel erreichbar und bot den Spaziergängern Möglichkeiten zur Innenschau und zum Austausch über das Leben und den Tod.

Im Verhältnis zu diesen Natur-Gräbern war die Grab-Eiche des herzoglichen Ministers außergewöhnlich. Als Hans Wilhelm von Thümmel am 1. März 1824 im Alter von 80 Jahren starb, wurde er seinem letzten Willen entsprechend zwei Tage später in der alten Eiche von Nöbdenitz begraben.

Dieser uralte – auch als 1000jährige Eiche bezeichnete – hohle Baum beflügelte die Phantasie, wie sich der Berliner Altertumsforscher und Buchhändler Gustav Parthey (1798 – 1872), ein Bekannter Thümmels, in seinem Tagebuch von 1812 schrieb: „… Mit Ehrfurcht betrachteten wir eine mitten im Dorfe stehende Eiche von ungeheurem Umfange. Der Volksglaube machte sie zu einem Druidenbaume der heidnischen Germanen und die Schätzung der Botaniker gab ihr ein Alter von 2000 Jahren. In der Höhlung des Stammes konnten 10-20 Menschen stehen.“ (Parthey Gustav: Jugenderinnerungen. Ernst Friedel (Hrsg.), Berlin 1907)

Die außergewöhnliche Grabstätte hatte Thümmel der Pfarrgemeinde abgekauft, um sich auf Bewilligung der herzoglichen Regierung in einer ausgemauerten Grabgruft in den Wurzeln des Baumes beisetzen zu lassen. „Der Zugang zu diesem wohl einzigartigen Erbbegräbnis wurde mit Felsblöcken bis auf eine kleine Schlupföffnung vermauert und mit einer Eisengittertür verschlossen.“ (Berg, M: Begräbniseiche und Dorflinde bei Nöbdenitz. Heimatschutz in Thüringen. 1937)

Die über 800 Jahre alte Burg Posterstein beherbergt ein bekanntes Thüringer Regionalmuseum.
Die über 800 Jahre alte Burg Posterstein beherbergt ein bekanntes Thüringer Regionalmuseum.
"Im Dienste der Ernestiner. Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister" ist eine Sonderausstellung auf #BurgPosterstein vom 26.06. - 31.10.2016.
„Im Dienste der Ernestiner. Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister“ ist eine Sonderausstellung auf #BurgPosterstein vom 26.06. – 31.10.2016.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Museum Burg Posterstein (Hrsg.) Katalog zur Sonderausstellung „Im Dienste der Ernestiner: Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister“ (26. Juni – 31. Oktober 2016). 168 Seiten, farbig, ISBN 978-3-86104-136-8, 20.00 Euro, Museum

Das 168 Seiten starke Begleitbuch zur Sonderausstellung beinhaltet Beiträge von neun verschiedenen Autoren und umspannt thematisch Thümmels gesamte berufliche Laufbahn vom Pagen der Herzogin Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg zum Minister und Geheimen Rat unter Herzog August.

Christiane Nienhold: „Bildung im Grünen. Hans Wilhelm von Thümmel und seine Gärten“
Christiane Nienhold und Franziska Engemann: „Der Mann unter der 1000-jährigen Eiche. Eine neue Grabkultur“

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