Rettet Egoismus die Welt?

„Wie die Welt von morgen aussehen wird,“ ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überzeugt, „ist nicht ausgemacht, ist völlig offen“. Seine Worte, die er nach der Vereidigung von Donald Trump am 21. Januar 2017 in einem Gastbeitrag in der „BILD am Sonntag“ geäußert hat, sind eine Reaktion auf den Wahlausgang der US-amerikanischen Präsidentenwahl im November 2016.

Nach dem Wahlergebnis in den USA saß der Schock in Europa und der Welt tief. Denn der (45.) Präsident der USA heißt Donald Trump: Immobilientycoon aus New York und Selfmade-Milliardär, mit sexistischem Frauenbild und überdimensionalem Ego.
Ein „krankhafter“ Narzisst, wie er im Buche steht. Trump soll die tief gespaltene amerikanische Gesellschaft einen und Amerika zu neuer (wirtschaftlicher) Größe führen – mit seinen Mitteln, mit denen er sich schon in der Reality-TV-Doku „The Apprentice / Der Lehrling“ als Chef „beliebt“ gemacht hat oder auch im Wahlkampf: beleidigen, pöbeln, lügen. Die USA am Scheideweg.

„Mit der Wahl Donald Trumps ist die alte Welt des 20. Jahrhunderts endgültig vorüber. Wir leben zwischen den Welten, die Nachkriegsordnung und auch das Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer sind Geschichte. Welche Ordnungsvorstellungen sich im 21. Jahrhundert durchsetzen werden, wie die Welt von morgen aussehen wird, ist nicht ausgemacht, ist völlig offen. Ich weiß, wir müssen uns auf unruhige Zeiten, auf manche Unberechenbarkeit und neue Ungewissheiten einstellen.“
Frank-Walter Steinmeier

Zeit für Veränderung

Frank-Walter Steinmeier bringt damit auf den Punkt, was die Vielzahl von Krisen in den vergangenen Jahren schon angedeutet haben, die längst nicht mehr mit Reförmchen und Reformen in den Griff zu bekommen sind: Wir leben in einer Zeit des Wandels – zu der unweigerlich auch das Chaos gehört – und das Ende dieser Entwicklung ist noch völlig offen.

Es ist eine beängstigende und zugleich spannende Zeit, in der wir aufgerufen sind, unsere Gesellschaft neu zu gestalten. Denn nichts anderes bedeutet VERÄNDERUNG. Es ist die Aufforderung, die Dinge, die nicht rund laufen zu prüfen, sich von Unpassendem zu trennen und Neues zu wagen.

In der Regel fördern gerade Krisenzeiten die Aufmerksamkeit und rücken die Gewichte gerade. Deshalb: keine Angst vor Krisen. Sie bieten die Chance zu persönlichem und geistigem Wachstum.“
Bernd Lohse

Und so werden wir nun vom Leben aufgefordert, uns dem Wandel zu stellen. Als Teil des natürlichen Kreislaufs des Lebens, bietet uns die Krise die Chance für inneres Wachstum, Reife und Veränderung.

„Wir erleben gerade einen intensiven kulturellen Wandel. Alle habe Angst, aber ich finde das unglaublich aufregend. Es wurde Zeit! […] Es ist wichtig, Dinge, die nicht gut laufen, zu hinterfragen.“
Francesca Amfitheatrof, Designerin

In den vergangenen Jahrzehnten waren wir in unserer westlichen Leistungs- und Konsumgesellschaft fixiert auf noch mehr Profit und noch mehr Macht. „Unser aktuelles Wirtschaftsystem des Neoliberalismus“, sagt aber der erfahrene Journalist Franz Alt, hat uns „in eine fatale Spirale aus Gier, Geiz und Geld manövriert. Der Neoliberalismus bescherte uns nicht weniger als einen tiefgreifenden Verlust zivilisatorischer Errungenschaften. Wir müssen Gerechtigkeit, Demokratie, Marktwirtschaft und einiges mehr neu diskutieren und neu denken. Wir brauchen eine neue, überzeugende und verbindende Leitidee.  Die Frage aller Systemfragen heißt heute: Ist Geld wichtiger als die Menschen? Welche Werte gelten wirklich? Banken haben wir gerettet, aber Flüchtlinge wollen wir ertrinken lassen? Und wenn in Griechenland 50 Prozent aller Jugendlichen arbeitslos sind, ist kein Geld da? Wo ist die ethische Marktwirtschaft geblieben?“

Diese Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die Chancen- und Perspektivlosigkeit breiter Bevölkerungsschichten macht wütend. Der britische Philosoph und Gründer des „College of The Humanities Anthony Clifford Grayling hat das Thema auf den Punkt gebracht: „Das Kernproblem in westlichen Staaten ist die Stagnation der Lebensstandards von Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen. Seit 25 Jahre ist das Einkommen dieser Menschen nicht angestiegen, das Einkommen der Reichen jedoch schon. Ungleichheit ist ein ernstes Problem in jeder Gesellschaft. Sie führt zu sozialen Spannungen“.

Der Unmut explodiert

Die narzisstische Selbstsucht der Machthabenden und der Zorn des einfachen Volkes haben schon in der Vergangenheit so manchem Herrscher Amt und Leben gekostet. Am 21. Januar 1793 stirbt der französische König Ludwig XVI. unter dem Fallbeil der Guillotine und mit ihm die über 1.000jährige „Gott gewollte“ absolute Monarchie des Landes.

Auch ihm war die Gier und die Privilegien seines Standes zum Verhängnis geworden: Nach der Unterstützung der Amerikaner in ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen England, waren die königlichen Schatullen leer. Adel und Kirche weigerten sich allerdings Steuern zu zahlen. Deshalb versuchte der König das Geld dem Mittelstand und den Armen abzupressen. Die Reaktion seiner Frau Marie-Antoinette auf die hungernden Menschen: „Sollen Sie doch Kuchen essen.“ – ist in die Geschichtsbücher eingegangen.

Im Sommer 1789 explodierte der angestaute Unmut des Volkes in den Straßen von Paris. Die Aufständischen riefen eine Volksvertretung als neue Regierung aus, die dem König die Macht nahm und die Privilegien von Kirche und Adel abschaffte. Im September 1792 wurde in Frankreich die Republik ausgerufen.

Die Revolutionäre fassten ihre Vorstellung eines neuen Frankreich in drei Begriffen zusammen: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und entwarfen unter dem Einfluss der Aufklärung und nach dem Vorbild der amerikanischen Revolution eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Ludwig XVI. wurde wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Die folgenden Jahren sind weniger rühmlich. Weil die Revolutionäre überall Feinde des Staates sahen, fielen ihrer „Schreckensherrschaft“ am Ende fast 30.000 Menschen zu Opfer, denn Wut kann Menschen zum Handeln treiben, lange unterdrückte Wut kann aber auch außer Kontrolle geraten.

Die Geister, die ich rief

Heute wirkt sich der Unmut über die aktuellen Zustände bei den Wahlergebnissen aus. Und „das machen sich Leute wie Trump, die Brexit-Unterstützer und Marine Le Pen zunutze“, so Anthony Clifford Grayling. „Sie wenden sich an Menschen, die das Gefühl haben, dass die Mächtigen entgegen ihren Interessen handeln. Das ist ein langfristiges Problem, das bis in die 1980er-Jahre zurückgeht. Aber der Finanzcrash 2008 hat es schlimmer gemacht. Denn die Schuldigen, die Kriminellen, die den Crash herbeigeführt haben, sind nicht bestraft worden. Und wen werden amerikanische Arbeiter, die damals ihr Haus oder ihre Arbeit verloren haben, wohl wählen? Jemand aus dem Establishment oder einen großmäuligen Außenseiter? Natürlich letzteren.“

Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist der Traum der US-amerikanischen Einwanderer-Gesellschaft. Ein Traum, für den die amerikanisch-tschechisch-slowenische Aufsteigerfamilie mit den Vorzeigekindern und den goldenen Fahrstuhltüren im familieneigenen Trump-Tower an der 5th Avenue steht. Eine Aufsteigerfamilie, die es den Etablierten, trotz aller Hindernisse gezeigt hat.
Für Menschen, die in der letzten Wirtschaftskrise aller Möglichkeiten beraubt wurden, ist die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten deshalb in erster Linie ein Statement, eine „Rebellion“ gegen das Establishment, für das auch eine Hillary Clinton gestanden hat.

Die Natur des Egoismus

Und ja, Donald Trump ist ein „Troublemaker“, das bestätigt sein Biograf David Cay Johnston. Er wird für gehörig Wirbel, Durcheinander, Angst und Schrecken in Washington D.C. und der Welt sorgen. Aber wird Donald Trump auch dem Anspruch der Wähler nach mehr Gerechtigkeit, Sicherheit und neuen Perspektiven und neuer „Größe“ gerecht werden? Davon ist ehrlich gesagt, nicht auszugehen, weil Donald Trump ein Egoist ist.

Und Egoisten retten die Welt nicht. Egoismus tut nichts für die Gemeinschaft tun, denn Egoisten denken nur an sich selbst und eine kleine Gruppe anderer zugehöriger Egoisten. „Der Eigennutz geht ihnen vor Gemeinwohl“, erläutert der Psychotherapeut Werner Stangl die besonderen Charakterzüge. Der Egoist bereichert sich selbst und nutzt dafür andere aus. Das ist seine Natur. So war das schon in der letzten Wirtschaftskrise, woraus die „Wir sind die 99%“-Gegen-Bewegung“ entstanden ist.

„Die Geschichte der Menschheit ist deswegen vor allem die Geschichte einiger weniger gewesen, die alles dafür getan haben, kurzfristige Ziele zum eigenen Wohl und zum Wohl der Ihrigen gegen langfristige Ziele zum Wohl aller durchzusetzen.“
Karen Duve

Der Journalist Dominik Lechler schreibt über Donald Trump in SternView (12/16): „Wer ihn kennt, weiß: Einer wie Trump interessiert sich zunächst nur für sich selbst, dann für seine Firma, seine Familie – und irgendwann für die USA. Einige Beobachter in Washington sind sogar überzeugt, dass ‚The Donald‘ gar nicht Präsident werden wollte. Ursprünglich, so ihre These, habe der Wahlkampf nur dazu gedient, die Marke Trump bekannter zu machen. Und damit ihren Wert zu erhöhen.“

Dabei ist eine der wichtigsten Regeln im Umgang mit Menschen, die egoistische und egozentrische Einstellungen und Verhaltensweisen zeigen – diesen „krankhaften Narzissmus“ zu erkennen, sich nicht manipulieren zu lassen und Grenzen zu ziehen, denn „Narzissten“ bekommen nie genug! „Dieser Aura muss man sich entziehen, indem man seine eigenen Grenzen klarmacht, die eigenen Bedürfnisse verteidigt und den eigenen Überzeugungen treu bleibt. Betrachten Sie die Äußerungen des Narzissten immer mit dem notwendigen Abstand und bleiben Sie kritisch,“ heißt es auf der Webseite „Umgang mit Narzissten“.

„Der Umgang mit Narzissten ist eine der schwierigsten Herausforderungen im menschlichen Zusammenleben überhaupt.“
umgang-mit-narzissten.de

Und Trump umgibt sich mit Menschen aus seiner superreichen, weißen, männlichen Welt. Sein Finanzminister Steven Mnuchin war 17 Jahre bei der Investmentbank Goldmann Sachs. In der Immobilienkrise erwarb er die Hypothekenbank Indymac, die daraufhin zehntausenden Amerikanern den Hauskredit kündigte. Am später Verkauf der Bank für den doppelten Preis, womit er 200 Mio. Dollar verdiente, berichtet der Stern (Nr. 1, 29.12.2016).

„Der Narzisst wird zu seiner eigenen Welt und glaubt, die ganze Welt sei er. Um sein Ziel zu erreichen, schreckt er nicht vor zweifelhaften Methoden wie Manipulation, Lüge und Verführung, in extremen Fällen sogar vor Verbrechen zurück.“
Alexander Lowen

Trumps Tochter Tiffany macht sich gerade mit ihrem Hang ihr teures Leben öffentlich in der Onlinegruppe der „Rich Kids of Instagram“ darzustellen, immer unbeliebter. Das hängt neben ihren Fotos aus dem Weißen Haus damit zusammen, dass das Ministerium für Innere Sicherheit, das Budget für die Begleitung ihre Ausflüge um 500.000 Dollar aufstocken musste, berichtet das Magazin Grazia (Nr. 10, 02.03.2017).

„Menschen wurden erschaffen um geliebt zu werden. Dinge wurden geschaffen um benutzt zu werden. Der Grund warum sich die Welt im Chaos befindet, ist weil Dinge geliebt werden und Menschen benutzt werden.“
Dalai Lama

Das Problem ist, das unsere Kultur diesen Menschenschlag nach wie vor feiert. Erfolg und Reichtum gelten als erstrebenswert und alle folgen dem „Ruf“, ohne ihn zu hinterfragen. Ein fataler Irrtum. Auch der Wirtschaftsprofessor Günter Faltin ist davon überzeugt, dass „mit den Sichtachsen und Werthaltungen der ökonomischen Führungselite unsere Zukunft nicht zu meistern ist.“

Warum die Sache schiefgeht

Karen Duve: Warum die Sache schiefgeht.
Karen Duve: Warum die Sache schiefgeht.

Absolut lesenswert – in heutigen Zeiten: „Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen.“, ein Buch von Karen Duve. „In ihrem furiosen Essay zeigt Karen Duve, dass Entscheidungsträger nicht deswegen auf ihre Positionen gelangt sind, weil sie intelligenter, kompetenter und sozialer als andere sind, sondern rücksichtsloser und schamloser. Und dass klassische Managertugenden wie Risikobereitschaft und Durchsetzungsvermögen in einem globalisierten, technisch hochgerüsteten 21. Jahrhundert keine Vorzüge, sondern ein ernstes Problem sind. Es wird Zeit, endlich mal die anderen ans Steuer zu lassen.“ (Galiani Verlag, Berlin. 2014)

Die Akte Trump

Nach Aussagen seines Biografen („Die Akte Trump“, im Englischen „The Making of Donald Trump“, Ecowin Verlag, Salzburg), dem Investigativjournalist und Pulitzer-Preisträger David Cay Johnston, der den Unternehmer 1988 das erste Mal zu einem Interview getroffen hat, ist „Trump ein „Hochstapler und Manipulator, den man höchst vorsichtig behandeln muss, weil der Umgang mit ihm extrem gefährlich ist.“

„Die USA sind grandios, alle anderen sind Verbrecher, Diplomatie ist für Memmen. Wir sind das großartigste Land, das es je auf der Welt gab.“
Donald Trump in seinem Buch „Time to get tough“.
(2011)

Nach Trumps Charakter befragt, antwortet Johnston: „Er ist nicht intelligent. Er ist nicht fleißig. Er hat kein historisches Verständnis. Er ist unglaublich ignorant. Er ist nicht selbstreflektiert. Er ist nicht freundlich. Er ist nicht warmherzig. Menschen, vor allem Frauen, sind für ihn nur Objekte. Er ist nicht seriös. Er hat keine Moral. Ihm geht es um nichts anderes als Geld, Macht und Ruhm. Trump ist emotional unterbelichtet. Er denkt nur in den Kategorien von Rache, von Auge um Auge, Zahn um Zahn. Letztendlich ist Trumps geistige Entwicklung auf dem Niveau eines 13-Jährigen geblieben“, erklärt Johnston im Tagesspiegel-Interview.

Über Donald J. Trump sind wir beschämt, weil wir in der langen Geschichte der Republik niemals einen dermaßen im Geist und Charakter beschränkten Präsidenten hatten, […] dem es so sehr an Freundlichkeit und Empathie fehlt. Und den haben wir jetzt am Hals!“
Louis Begley, Schriftsteller

David Johnston ist überzeugt, dass „Amerika Trump überleben wird, aber nicht ohne Schaden.“ Und er glaubt, dass sich „diese Präsidentschaft für gut 90 Prozent der Amerikaner wirtschaftlich negativ auswirken wird. Donald Trump denkt nur an sich, nicht an die, die ihn gewählt haben.“

Seid wachsam, tapfer und kampfbereit

Experten haben inzwischen Donald Trumps Forderungen und Versprechen aus dem Wahlkampf auf Realisierbarkeit überprüft und ermittelt, dass z.B. seine Idee von der „Abschiebung aller von ihm als „kriminell“ verunglimpften elf Millionen Einwanderer – neben der groben Bürgerrechtsverletzung – bis zu 600 Milliarden Dollar kosten, 20 Jahre dauern und das Bruttoinlandsprodukt um 1,6 Billionen Dollar senken würde.“ Auch Umweltschutz interessiert ihn nicht. „Er setzt auf Öl und Gas – und zwar amerikanisches. Trump würde buddeln und fracken, wo es nur geht“, fassen Spiegel-Autoren seine Energie-Politik zusammen.

Das haben jetzt auch Angehörige des Sioux-Stammes Standing Rock zu spüren bekommen. Monatelang haben sie gegen den Bau der „Dakota Access Pipeline“ für ein Ölförderprojekt entlang heiliger Indianerstätten demonstriert. Barack Obama hatte einen Baustopp verhängt, den Donald Trump wieder aufgehoben hat. Es ist eine wiederholte Niederlage für die amerikanischen Ureinwohner, deren Rechte seit Jahrhunderten für den „amerikanischen Traum“ mit Füßen getreten werden.

Es gibt also viele Gründe, vor den „neuen-alten“ Ideen aus dem Weißen Haus auf der Hut zu sein. Auch Schriftsteller Dave Eggers warnt die US-Amerikaner vor ihrem neuen Präsidenten: „Mit Trump hätten die Amerikaner ‚ein Kind im Weißen Haus‘, die alten politischen Regeln würden nicht mehr gelten. Die Bürger sollen wachsam sein, tapfer im Herzen und kampfbereit.“

#Mitdenken und #Mitmachen lohnt sich!
Die #USA können nicht nur #Trump. In der letzten Wirtschaftskrise ist das #BALLENetzwerk („Be a localist“)  entstanden. Ein Zusammenschluss aus Unternehmern, Investoren und Gründern, die sich auf lokaler Ebenen u.a. für Politik, Investitionen, Klima- und Umweltschutz einsetzen und damit eine starke und faire #Wirtschaft für ALLE aufbauen wollen.

Der alte Traum von Macht und Größe

Aber die US-Amerikaner sind zur Zeit nicht die Einzigen, die dem alten Ruf nach „Größe“ zu folgen bereit sind, mit allen daraus folgenden Konsequenzen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan träumt von einem „osmanischen Großreich“. Im Moskauer Kreml arbeitet der russische Präsidente Wladimir Putin an seiner neuen Postion als Weltmacht, zu der auch die prachtvolle Selbstdarstellung gehört, inkl. goldener Türen, ganz wie bei Donald Trump.

König: "Die spinnen, die Briten"
König: „Die spinnen, die Briten“

Die Briten (eigentlich die Engländer und Waliser) wollen ihr Heil im Alleingang suchen – „Britain first“ (#Brexit). Am Ende vielleicht sogar ohne Schottland und Nordirland. Die Reichsbürger träumen von einem Deutschland in den Grenzen von 1914 – Böhmen ist unser. Viele EU-Mitgliedsländer stellen ihre nationalen Interessen vor die Suche nach gemeinschaftlichen Lösungen europäischer oder auch globaler Probleme.

Ein hoher Preis für ein Fantasiegebilde

Die Frage ist, wollen wir das wirklich oder sind wir nicht doch bereit, endlich aus diesem Kreislauf auszusteigen? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns auch bewusst machen, dass am Ende alle Großmachtfantasien schon in der Vergangenheit frühzeitig gescheitert oder mit der Zeit einfach wieder von der Bildfläche verschwunden sind: das Reich des Dschingis Kahn, das „Weltreich“ Alexander des Großen, das römische Imperium, das britische Empire, das „tausendjährigen deutsche Reich“, der kommunistische Ostblock.

Der Traum von Größe ist verlockend und gefährlich. Die Haltbarkeit von Großreichen und Großmachtfantasien scheint eher begrenzt zu sein. Irgendwann waren auch die „großen“ Familien wie die Ottonen, Bonapartes oder Kennedys Geschichte. Wie gut, dass sich wenigstens die Literatur an sie erinnert. Zu mühsam und aufwändig scheint der Aufbau und der Erhalt von äußerer Größe zu sein, an der oft nur eine kleine „Elite“ teilhat.

Größenfantasien scheinen nicht in der „Natur“ der Menschen zu liegen. Meist war und ist der Preis dafür am Ende ein sehr hoher. Die Vision vom „tausendjährigen deutsche Reich“ haben die Deutschen mit Bombenhagel, Vertreibung, persönlichem Leid, totaler Zerstörung und „deutscher Schuld“ bezahlt.
Über die derzeitige Lage in Russland hat eine Mitarbeiterin einer Non-Profit-Organisation gesagt: „Gegenwärtig sind viele Erwachsene wegen der politischen und ökonomischen Situation in Russland fast schon depressiv gestimmt. Die Hoffnung liegt auf den Kindern und jungen Menschen, die von all dem unbeeindruckt Unglaubliches leisten.“
„Eine Demokratie stirbt auf die Dauer, wenn lügende Politiker nicht mehr bestraft werden,“ fasst der Stern-Korrespondent Raphael Gelger (Nr. 52, 21.12.2016) die Lage in der Türkei zusammen und beschreibt Präsident Erdoğan als eine Persönlichkeit: „die sich die Welt zurechtbiegt, bis alles in sein Bild passt.“

Wirklich geblieben ist uns über die Jahrhunderte das Gemeinschaftswerk kreativer Geister wie der des klassischen Weimar (Wieland, Goethe, Schiller, Herder …), des Bauhaus (Gropius, Feininger, Klee, Kandinsky) oder der Naturforscher- und Seeleute (Darwin, Forster, Cook …)

Ein gut regiertes Land ist ein blühendes Land

Zu Großmacht-Fantasien hat es schon immer erfolgreiche Alternativen gegeben, wie die Visionen von Fürst Franz von Anhalt-Dessau (1740 – 1817). Der junge Fürst quittierte dafür bereits in jungen Jahren den Militärdienst in der preußischen (Großmacht-)Armee, um stattdessen sein kleines und rückschrittliches Fürstentum umzuwandeln. Er war davon überzeugt, dass ein gut regiertes Land ein blühendes Land sei und legte mit dieser Vision den Grundstein für das #GartenreichDessauWörlitz: „Eine einzigartige Verbindung von Landschaft und Kunst, Erziehung und Wirtschaft. Ertragreiche Äcker, schöne Landschaften und die Gartenanlagen gehören in Wörlitz zusammen: Das Schöne, Wahre und Gute – gebaute Aufklärung“, wie es die Autoren der arte-Dokumentation über das „Gartenreich Dessau-Wörlitz“ so treffend zusammenfassen.

„Wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben, einen Traum um sich herum zu schaffen, es ist, wenn man so dasteht wie ein Märchen, das einem vorgetragen wird.“
Johann Wolfang von Goethe

Mit seiner Vision zettelte Fürst Franz die „Revolution im Grünen“  in Deutschland an. Mit ihren ideal gestalteten #Landschaftsgärten war sie eine Kampfansage an die feudale Gesellschaftsordnung des Barock und läutete den Geist der #Aufklärung ein, um den Menschen „aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant) zu befreien, damit er lernt sein Schicksal selbst zu gestalten.

Dennoch scheint der Traum von Größe immer noch und immer wieder für viele voller Verlockungen und Versprechungen zu sein, so dass viele Menschen lieber versuchen die Vergangenheit zu wiederholen, als Neues zu wagen. Der Brite Simon Winder, ein großer Fan der deutschen Kultur und Geschichte, abgesehen von der faschistischen Ära, schreibt mit großer Trauer in seinem Geschichtsbuch „Germany, oh Germany“ über das Auseinanderbrechen der europäischen und internationalen Beziehungen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918:

Simon Winder: "Germany, oh Germany"
Simon Winder: „Germany, oh Germany“

„Die Stärke der Wissenschaft und Wirtschaft lag darin, dass sie in einem sehr komplexen und reibungslos funktionierenden Beziehungsgeflecht sowohl auf nationalem als auch auf globalem Niveau betrieben wurde. Aber das wunderbare Netzwerk wurde durch den Ersten Weltkrieg zerstört. Erst seit 1989 ist ein gesamteuropäischer Markt, der den Kontinent 1914 so kreativ und wohlhabend gemacht hat, […] wieder im Blick.“
Und nun, wollen wir in der aktuellen Krise aus reiner Angst erneut das zerstören, was wir in zwei Jahrzehnten mühsam wieder aufgebaut haben?

Verharren oder Verändern?

Wenn wir es diesmal nicht so weit kommen lassen wollen, müssen wir viele Schritte nach vorn machen und unser altes Gesellschaftsmodell als Auslaufmodell akzeptieren, ohne der Angst zu verfallen, dass jetzt alles schlechter wird.
Die Autorin Juli Zeh hat in einem Stern-Gespräch (Nr. 52, 21.12.2016) gesagt: „Wir leben momentan in einer krassen Umbruchzeit. Die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts werden sehr, sehr anders sein als das Jahr 2016. Und ohne etwas Genaues zu wissen, bin ich doch enorm neugierig darauf. Ich denke, dass es besser wird. Vielleicht ist es der Anfang des nächsten Zivilisationsschrittes, und wir werden später sagen: 2016 war das Jahr, in dem wir unheimlich viel gelernt haben.“

„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“
chinesisches Sprichwort

Festhalten an Altbekanntem hat allerdings einen mächtigen Verbündeten: die Angst. Sie ist der Grund, warum wir in der Krise nicht zwangsläufig neue Wege beschreiten und uns verändern.
Denn in einer Krise gibt es immer zwei Möglichkeiten. Und oft entscheiden wir uns für den Weg des geringsten Widerstands, den der „Regression“, dem Rück-Schritt, d.h. zurück zum Altbekannten, anstatt mutig das Neue zu proben.

Mauern schützen nicht

Man kann der Krise dann z.B. mit Ausgrenzung und dem Errichten von Mauern begegnen, mit dem Versuch seinen Besitzstand zu wahren, aber machen wir uns nichts vor, das wird die Veränderung nur verzögern, aber nicht verhindern. Einige können davon kurzfristig profitieren, weil sie die Notwendigkeit zur Umgestaltung so hinausschieben, aber für den Großteil wird es eine Belastung sein und am Ende alles schlimmer machen.

So basiert unser westlicher Wohlstand auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, der starke Umweltschäden hervorruft und eine Ursache der Klimaerwärmung ist. „Aber spätestens ab 2050 wird dann auch in den Industrieländern sehr unter den klimatischen Bedingungen […] gelitten werden. Die Generation, die das vor allem betreffen wird, ist heute noch zu jung, um Einfluss auf Politik und Wirtschaft nehmen zu können. An den Schaltstellen der Macht sitzen 60-jährige, deren Chancen recht gut stehen, auch den Rest ihres Lebens in der Komfortzone verbringen zu dürfen“, schreibt Karen Duve in ihrem Essay „Warum die Sache schiefgeht.“

„Mögen deine Entscheidungen, deine Hoffnungen widerspiegeln, nicht deine Ängste.“
Nelson Mandela

Auch die aktuelle Flüchtlingskrise kam nicht über Nacht. Schon seit Jahren wird von Non-Profit-Organisationen auf die Probleme hingewiesen. Menschen sind schon immer vor Kriegen, Gewalt, Terror, wirtschaftlicher Not, Natur- und Umweltkatastrophen wie Erdbeben und Dürren geflohen. Aktuell sind es 60 Millionen Menschen weltweit, die eine neue Heimat und eine Zukunftsperspektive suchen. Außerdem sind viele Probleme hausgemacht. Wenn Fischtrawler der EU, geschützt durch Fischereiabkommen, vor der Westküste Afrikas das Meer leer fischen, können tausende Fischer und Angehörige dort nicht mehr überleben, sagt ATTAC (Rundbrief 01/16).

„Für die Probleme von heute sind die Lösungen von gestern längst selbst zu einem Teil des Problems geworden. Innovationen entspringen in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit“.
Christiane Windhausen, Birgit-Rita Reifferscheidt

Vor dem Flüchtlingsansturm werden irgendwann auch nicht die höchsten Mauern schützen.
Auch im 4. und 5. Jhd. zogen Millionen auf der Flucht vor den Hunnen und der Suche nach neuem Lebensraum durch Europa. Dem Ansturm der „großen Völkerwanderung“, der Ost- und Westgoten, Langobarden, Alanen oder Vandalen, war auch die gut ausgebaute Grenzbefestigung des Weströmischen Reiches eines Tages nicht mehr gewachsen. 476 brach der Limes mit seinen Gräben, Mauern, Türmen und Burganlagen zusammen und mit ihm das alte Imperium. An seiner Stelle entstanden neue Reiche.

Fürchte dich nicht

Unser größtes Hindernis auf dem Weg zu neuen Ufern ist die Angst. Im Chinesischen hat das Wort Krise aus diesem Grund zwei Bedeutungen: Gefahr und Gelegenheit. Das Neue und Ungewisse macht uns Angst. Dabei müssen wir uns vor unser Angst nicht fürchten, denn sie ist nichts Schlimmes. Sie zeigt nur an, dass wir gerade eine innere Grenze erreicht. Die muss allerdings nicht dort bleiben. Akzeptiert man seine Angst, bekommt man auch die Möglichkeit darüber hinaus zu wachsen, um neue Erfahrungen sammeln zu können.

„Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken.“
Ferdinand Magellan

Das Einzige, was wirklich gegen Angst hilft, ist, einfach genau das zu tun, wovor man am meisten Angst hat. Das heißt wirklich: „Augen zu und durch“. Dann passiert etwas Interessantes. Meist steigt der Adrenalinspiegel anfangs noch einmal an. Aber sobald man den ersten Schritt getan hat und erkennt, dass das wovor man sich gefürchtet hat, nicht eingetreten ist, beruhigt man sich wieder. Getraut man sich öfters über seine Grenzen, dann wird die Angst allmählich immer leiser. Manchmal verstummt sie sogar ganz. Am Ende stellt man fest, dass die Welt nicht untergegangen ist, alles halb so schlimmer war und das hinter der Angst die neuen Möglichkeiten liegen.

Der echte Weg aus der Krise

Es wird Zeit, sich für die „Transformation“ zu entscheiden, den zweiten Weg aus der Krise, den Weg durch die Angst zu mehr Mut. Der Mut zur Veränderung setzt Hoffnung, Glaube und Vertrauen voraus. Und zwar genug Vertrauen, um neue Schritte zu wagen und sich dabei auf das Ungewisse einzulassen. Das kann ziemlich beängstigend sein. So sehr, dass man sich lieber wieder auf das altbekannte Terrain zurückzieht. Aber erst das Wagnis und die offenen Türen, ermöglichen es neuen Erkenntnissen und Erlebnissen einzutreten.

„Das ist eine Grundfrage des Lebens: Soll mich Angst leiten oder Vertrauen?“
Franz Alt

Darüber hinaus braucht man auch noch den Mut alte Verletzungen und Wunden anzuschauen und zu heilen, um letztendlich darüber hinaus wachsen zu können. Erst das verschiebt die eigenen Grenzen nach außen. Und wer weiß, welche Schätze im Unbekannten warten. Das werde ich nie erfahren, wenn ich mich nur in meinen bekannten vier Wänden aufhalte. Dabei muss man aber auch ein Gespür dafür entwickeln, was gut tut und was übertrieben ist.

„Wir sind immer auf dem Wege und müssen verlassen, was wir kennen und haben, und suchen, was wir noch nicht kennen und haben.“
Martin Luther

So machen wir das hier

In Zeiten des Wandels sollten wir uns auf die wichtigen Dinge besinnen: Was ist uns als Menschen wichtig? Für welche Werte wollen wir einstehen? In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Was wollen wir unseren Kindern hinterlassen?Der Autor Hans-Joachim Maaz formuliert die Fragen so“Wie kann eine Gesellschaft ohne materielles Wachstum funktionieren?

Der Autor Hans-Joachim Maaz formuliert die Fragen so:

  • „Wie kann eine Gesellschaft ohne materielles Wachstum funktionieren?

  • Wie können Arbeit, Geld und Geltung ausreichend gerecht verteilt und erworben werden?

  • Wie lassen sich Banken auf eine Weise organisieren und kontrollieren, dass sie nicht bloß gewinnorientiert agieren, sondern in den Dienst der Unternehmen und Menschen gestellt sind?

  • Wie lässt sich die Drogenfunktion des Geldes und der materiellen Werte überwinden?

  • Wie können neue, befriedigendere Lebensformen im Sinne einer Beziehungskultur vermittelt, organisiert und geübt werden?“

Gesellschaft wird von uns geformt und beeinflusst, denn Kultur heißt: „So machen wir das hier“ (Terrence Deal und Allan Kennedy). Wir legen die Regeln fest. Und es wächst nichts von oben, das weiß jeder Bauer. Auch viele Amerikaner glauben, dass die Ideen aus ihren Städten kommen: „Eine Studie von 2014 fand heraus, dass nur 25 Prozent der Befragten mit der Richtung der Politik des Landes zufrieden waren. Aber 60 Prozent mit dem Leben in ihren Gemeinden. Bei einer Befragung 2016 sagten zwei von drei Amerikanern, gute Ideen für die sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit kämen aus ihren Städten. Weniger als 30 Prozent erwarteten solche Ideen von Institutionen wie dem Parlament oder der Regierung in Washington“, fasst der Journalist James Fallows die Stimmungslage in den USA in einem Stern-Beitrag zusammen (Nr. 52, 21.12.2016)

Leonard: "Die Zukunft, die wir wollen"
Leonard: „Die Zukunft, die wir wollen“

Die Bürger Barcelonas haben aus diesem Grund 2015 eine populäre Aktivistin und Ex-Hausbesetzerin als Bürgermeisterin gewählt. Ada Colau war mit ihrem Wahlbündnis „Barcelona en Comū – Barcelona vereint“ gegen die durch schwere Korruptionsskandale belastete Regierungspartei angetreten. Eine ihrer ersten Amtshandlungen nach dem Wahlsieg war die Reduzierung der monatlichen Bezüge der Stadtverordneten auf 2.200 Euro, um die frei werdenden Gelder Familien zukommen zu lassen, die in der Wirtschaftkrise ihr Obdach verloren haben. „Wir werden mit den Privilegien aufräumen und mit gutem Beispiel vorangehen,“ so Colau.

Die Stimmung ändert sich

In Großbritannien, das sich erst vor einem Jahr für den Austritt aus der EU ausgesprochen hat, ändert sich inzwischen die Stimmung. Die Menschen beginnen zu begreifen, dass es in diesem gesellschaftlichen Wandel keine einfachen Lösungen gibt, auch wenn uns populistische Politiker das glauben lassen wollen, zu groß sind einfach die Herausforderungen, vor denen wir stehen: der Niedriglohnpolitik unseres aktuellen Wirtschaftssystems folgt die Altersarmut großer Bevölkerungsteile; die Auswirkungen der digitalisierten „Wirtschaft 4.0“ auf die Anzahl der Arbeitsplätze der Zukunft lässt nur einen Schluss zu: Es werden weniger. Aber, wovon leben wir, wenn wir ohne Arbeitsleistung keinen Arbeitslohn mehr bekommen?

Wir brauchen dringend Antworten auf die Konflikte und Fragen unserer Zeit. Aber „Populismus arbeitet nicht mit Konzepten oder Ideen. Er wendet sich an Überzeugungen und Empfindungen“, erklärt der britische Philosoph Anthony Clifford Grayling in einem ZEIT-Beitrag. So hatten die britischen EU-Gegner „überhaupt keine Pläne für den EU-Austritt und kein Verständnis für die Schwierigkeiten, die auf uns zukommen würden. Mit denen werden sie jetzt konfrontiert, und es geht drunter und drüber.“

Und so langsam macht sich sogar bei den EU-Gegnern und Brexit-Befürwortern in Großbritannien die Überzeugung breit, dass ein EU-Austritt mehr Nachteile für das Land bringen würde, als Vorteile. Einer Umfrage Mitte Februar zufolge, haben“ 13,5 Prozent der Leave-Wähler mittlerweile ihre Meinung geändert“. Die Stimmung ändert sich, ist Grayling überzeugt, weil sich die Menschen der Konsequenzen bewusst werden. Konsequenzen wie z.B. die Schließung von Firmen oder Krankenhäusern, weil ausländisches Personal das Land verlässt.

Die Welt ist klein und voneinander abhängig geworden. Die Sorgen einer Nation können nicht mehr ausschließlich von ihr allein gelöst werden. Deshalb ist unser aller Überleben, ohne ein Gefühl für universelle Verantwortung, bedroht. Das bedeutet, dass wir das Leiden aller Menschen spüren, genauso wie unser eigenes. Das bedeutet, dass wir verstehen, dass selbst unser Feind von der Suche nach Glück motiviert ist. Wir müssen verstehen, dass alle Lebewesen dasselbe wollen wie wir. Dies ist der Weg zum wahren Verständnis, befreit von abwegiger Haarspalterei.“
Dalai Lama

Die EU ist die Zukunft

Das Gesetz, das die Grundlage für das Referendum 2016 gebildet hat, ist nicht bindend für das Parlament. So erläutert Grayling, dass „das Gesetz kein Mandat vorgesehen hat, das die Regierung oder das Parlament in irgendeiner Weise dazu verpflichtet, dem Ergebnis zu folgen. Die Brexiteers setzen jetzt jedoch auf Populismus und sagen, das Ergebnis des Referendums sei rechtlich bindend. Das Volk hat gesprochen!“ Aber „alles, was wir aus dem Beamtenapparat und aus den Ministerien hören, spricht dafür, dass dort großes Chaos herrscht.“

Und beim Referendum 2016 haben nur „nur 37 Prozent der Wahlberechtigten für den EU-Austritt gestimmt. Das sind 26 Prozent der Bevölkerung. Zu behaupten, dass das britische Volk die EU verlassen wolle, ist Unsinn. Die Mehrheit der britischen Bevölkerung will in der EU bleiben,“ so Grayling weiter.

Steinmeier: "Europa ist die Lösung"
Steinmeier: „Europa ist die Lösung“

#Mitdenken und #Mitmachen lohnt sich!
„WeMove.EU“ ist eine Bürgerbewegung, die sich für ein besseres Europa einsetzt; für eine Europäische Union, die sich sozialer Gerechtigkeit verpflichtet fühlt; die für ökologische Nachhaltigkeit und bürgernahe Demokratie steht. Für „WeMove.EU“ engagieren sich Menschen unterschiedlicher Lebensläufe, Kulturen und Religionen, die Europa ihr Zuhause nennen – egal, ob sie in Europa geboren wurden oder anderswo.

Die EU ist die Zukunft Europas„, sagt Grayling und Teil eines geeinten Europas zu sein, sei auch die einzige realistische Zukunft für Großbritannien. In allen Teilen der Welt hätten sich die Menschen die EU als Vorbild genommen und ähnliche Wirtschaftsblöcke gebildet. „Wenn Großbritannien die EU verlässt, wird es sich in einer Welt von Europäischen Unionen finden. Aber es wird außerhalb von allen diesen Blöcken sein. Es verlässt den besten und reichsten Wirtschaftsblock der Welt, und wird nirgendwo sein. Wir werden zu den Malediven Europas. Einfach nur eine Insel vor den Küsten Europas.“

„Ich würde mir wünschen, dass uns die Menschen in Europa unterstützen und uns wissen lassen, dass wir Teil der EU bleiben sollen. Falls sie das überhaupt möchten. Wir waren ja in der Vergangenheit eher schlechte Partner.“
Anthony Clifford Grayling

Deshalb wird am 25. März ein großer „Unite For Europe“-Protestmarsch durch London ziehen. „Und das wird auch nicht einfach aufhören“, weiß Grayling. „Das ist nicht Optimismus, das ist Geschichte. Europa kann nicht zum 17. Jahrhundert zurückkehren und zum Dreißigjährigen Krieg oder zum Zweiten Weltkrieg.“

„Bye, bye Baby …“

Lange Zeit standen erst West- und dann auch Osteuropa und die USA Seite an Seite. Möglicherweise ist es jetzt einfach Zeit, die USA aus ihrer Rolle der Welt-Polizei zu entlassen, damit sie sich um ihre eigenen Probleme kümmern und für sich selbst Verantwortung übernehmen kann.

Mit den Ergebnissen der „demokratischen“ Wahl in den USA müssen wir leben – weltweit. Aber vielleicht sind die „Autokraten“ unserer Zeit ja der notwendige Weckruf, endlich die Kräfte gezielt zu bündeln.

Neue Wege für Europa

Dabei geht es weder darum sein Heil in der „Größe“ zu suchen, noch in „Kleinheit“ zu verfallen. Es geht darum erwachsen und eigenständig zu handeln, sich klar zu positionieren, echte Visionen zu entwickeln und umzusetzen – gemeinsam.

Schmid: "Europa ist tot, es lebe Europa!"
Schmid: „Europa ist tot, es lebe Europa!“

„Einheit ist der Weg der Stärke… Teilung resultiert nur in Schwäche. Schwache Länder haben keinen Platz in der modernen Welt.“
Sheik Zayed bin Sultan Al Nahyan, erster Präsident der VAE

#Mitdenken und #Mitmachen lohnt sich!
„Campact bewegt Politik!“ ist eine Bürgerbewegung, in der fast 2 Millionen Menschen für eine zukunftsweisene Politik streiten, durch Online-Appelle, Demonstrationen, Aktionen und Kampagnen.

Und ja, das wird eine große Herausforderung. Aber Politik geht uns alle etwas an und es ist die Aufgabe jedes Einzelnen, die Gesellschaft zu gestalten. Die Welt kann nur durch Mitgefühl und Miteinander gerettet werden und dabei zählt jeder Einzelne – es geht um unsere Würde und unsere Zukunft. Und Ideen und Initiativen für eine lebenswerte Welt gibt es bereits.

Im November 2016 fand der 8. „Vision Summit“-Kongress unter dem Motto „Zukunft für ALLE“ statt. Als Ergebnis der Vorträge, Workshops und Gespräche zwischen Unternehmern, Experten und Studierenden wird im Frühjahr 2017 eine Grundsatzerklärung „Gerechtigkeit. Zukunft für alle.“ (http://enorm-magazin.de/anleitung-fuer-eine-bessere-welt) im Gütersloher Verlagshaus  erscheinen. „Es ist eine Erklärung für eine neue gesellschaftliche Leitidee, die die wertvollsten Entwicklungen in der Welt der ökologischen Innovationen, der sozialen Innovationen und der systemischen Innovationen miteinander verknüpft,“ kündigt das Wirtschaftsmagazin enorm  an.

„Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.”
Willy Brandt

Die Kolumne „Wird Egoismus die Welt retten?“ ist Teil der Serie #wirveraenderndiewelt / #wechangetheworld – über die Natur des Menschen, seine inneren und äußeren Begrenzungen, deren persönliche und gesellschaftliche Auswirkungen und ihre Überwindung, mit dem Ziel, unser authentisches Wesen und die uns innewohnenden schöpferischen Möglichkeiten zu entfalten.

Kolumne 1: „Zurück zur Natur“
Kolumne 2: „Wird Egoismus die Welt retten?

Vorschau: In der nächsten Kolumne „Am Anfang war …“ erzähle ich, was für Voraussetzungen es braucht, damit Menschen sich optimal entfalten können und zu mehr Eigenliebe und dadurch auch Mitmenschlichkeit finden.

Zur Link-Party bei EINAB
Dieser Artikel ist auch mit der Blogparty von einfachnachhaltigbesserleben.blogspot.de verlinkt.

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hallo!

    Wow, was für eine Fülle an Informationen, die Du hier zusammen getragen hast. Das muss man erst einmal verdauen. Kolumne dazu zu sagen ist eigentlich tief stapeln kann man so sagen.

    Danke fürs Verlinken zu EiNaB!

    lg
    Maria

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    1. Ja, das muss man wirklich erst einmal verdauen. Ich beschäftige mich seit über zwei Jahren mit dem Thema „Narzissmus“ und damit verbundenen Einstellungen und Verhaltensweisen. An dem Blog-Beitrag habe ich drei Monate gesessen – vom ersten Entwurf bis zum fertigen Beitrag. Aber das Thema ist einfach zu wichtig. Für mich liegt der Schlüssel zu einem natürlicheren Lebensstil in der Überwindung der eigenen Egozentrik, die unsere Kultur so stark prägt. lg Christiane

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      1. Hallo Christiane!

        Wow, 3 Monate, heftig! Aber man merkt auch mit wie viel Liebe und Hingabe Du am Thema bist!

        Und mit Deinem letzten Satz gebe ich Dir unbedingt recht, wenn jeder nur an sich denkt, dann kann es nur schief gehen!

        lg
        Maria

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      2. Ich hatte auch nicht gedacht, dass es so lange dauert, nachdem ich den ersten Entwurf hatte. Aber das Ganze sollte schon rund sein und so ist das eben mit kreativen Prozessen, nach und nach bekommt man noch eine wichtige Information und irgendwann passt es. Danke für dein Lob!
        Da wir sowieso „EINS“ sind und alles in Verbindung steht, kann es nur gemeinsam gehen. Die „Trennung“ der Menschen untereinander und von Mensch und Natur entsteht letztendlich durch die egozentrischen Einstellung und Verhaltensweisen. Aber es ist ein Irrweg. Nur sind sich die Menschen dessen nicht bewusst.
        Lg Christiane

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  2. Marlene sagt:

    Hallo Christiane,
    vielleicht hättest du den Blogpost als Serie von 4-5 Texten machen sollen! Ich finde ihn wirklich spannend und trotz der Länge kurzweilig geschrieben. Besonders ermutigend finde ich die Zitate, die tönen, man solle keine Angst vor der Veränderung haben, sondern mitgestalten und zum positiven hin verändern. Der nächsten Bundestagswahl sehe ich trotzdem mit gemischten Gefühlen entgegen. Was denkt die Mehrheit da draußen wohl?
    Liebe Grüße,
    Marlene

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    1. Hallo Marlene, danke für den Tipp und dein Lob. Ich habe mich wegen der Komplexität auch schwer getan, wollte das zusammenhängende Thema aber dann doch nicht unterteilen. Ich habe ja noch viele andere Hintergründe in Vorbereitung. Schwierig. Tja, was bringt die Wahl im September? Das ist eine gute Frage. Mit der Veränderung kann man ja immer nur bei sich selbst anfangen. Ich hoffe auf die „Aufklärung“ und den Wandel des Bewusstseins. Aber das dauert. Da ist die Masse einfach träge 😉 Also versuchen wir es mit dem steten Tropfen. LG Christiane

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      1. Marlene sagt:

        Hallo Christiane,
        ja, das ist besser als gar nichts! Mir kommt es schon vor, als verändert sich die Gesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit z.B., aber vielleicht ist es auch nur ein kleiner Teil, während sich andere Teile wieder in ganz andere Richtungen bewegen… Liebe Grüße, Marlene

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      2. Hallo Marlene,
        ja, es gibt immer mehrere Möglichkeiten und Entwicklungsrichtungen. Deshalb ist das darüber Sprechen ja auch so wichtig, für die, die noch Zweifeln. Das ist eine Chance. Wie hat der Dalai Lama gesagt: „Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“
        LG Christiane

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  3. Amely sagt:

    Hallo Christiane, vielen Dank für den sehr ausführlichen Artikel! Mich haben besonders die Zitate zum Nachdenken angeregt. Zwei davon habe ich für meinen nächsten Blogbeitrag verwendet (und auch auf dich verwiesen). Ich hoffe, das ist ok für dich. Wenn du Interesse hast, kannst du ja am Dienstag mal bei mir reinschauen. Liebe Grüße, Amely

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    1. Hallo Amely,
      ich rege gern zum Nachdenken an 😉 Und über das Thema Liebe und Selbstachtung können wir gar nicht oft genug sprechen. Schließlich ist die menschliche Welt wie sie ist, weil wir zu wenig davon haben und zu viel Egoismus. Es ist wichtig, dass wir unseren inneren Anlagen von Anfang an in eine gute Richtung entwickeln, was sonst passiert, sehen wir jeden einzelnen Tag. Das hat der Dalai Lama gut auf den Punkt gebracht.
      Danke fürs Verlinken.
      Herzliche Grüße, Christiane

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