Morning Glory

„What’s the Story Morning Glory“ ist eines meiner Lieblingslieder von „Oasis“ aus dem Jahr 1995. Meine Begeisterung für die britischen Band, die mir bis dahin unbekannt war, verdanke ich meiner Mitbewohnerin Claire, die absoluter Fan der Gallagher-Brüder war und ihr ganzes Zimmer mit Konzertfotos dekoriert hatte.

Zu dieser Zeit lebte ich in einem Studentenwohnheim im nordenglischen Newcastle upon Tyne. Über ein Jahr lang hatte ich im Vorfeld alle Hürden genommen, um als Austauschstudent des europäischen „Erasmus“-Programms ein Studienjahr in Großbritannien verbringen zu können.

Robin Hood, Ivanhoe, Artus …

Der Grundstein für mein Interesse an der britischen Kultur ist schon in meiner Kindheit gelegt worden. Ich liebte die alten Hollywood-Filme über den gerechten „Robin Hood“, die aufregenden Geschichte von Ritter „Ivanhoe“ oder die mystische „Artus“-Sage.

Vielleicht hatte meine Begeisterung auch noch ältere genetische Wurzeln? Mein Heimatdorf gehörte  jahrhundertelang zum ernestinischen Herzogtum Sachsen-Gotha oder seiner Nebenlinien. Und diese waren ja eng mit dem englischen Königshaus (z.B. Albert und Victoria) verbunden 😉

Freiwillig hatte ich seit der 11. Klasse schulische und außerschulische Sprachkurse auf mich genommen. Mein Sprachunterricht ab der 7. Klasse mit Englisch als zweiter Fremdsprache hatte leider kaum brauchbare Grundlagen gelegt, da unsere Lehrerin hauptsächlich Deutsch mit uns sprach. Also konnte ich erst mit 16 Jahren richtig loslegen.

Gutes Europa, böses Europa

Aufgewachsen in der DDR, galt Englisch zwar auch als Weltsprache, aber nach dem Weltbild, dass uns „allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten“ 16 Jahre lang in der Schule vermittelt wurde, gehörten englischsprachige Länder zur feindlichen Kultur. In „Vom Sinn des Lebens“ hieß es in den 80er Jahren: „Auf der Erde stehen sich heute zwei entgegengesetzte Gesellschaftsysteme gegenüber, Sozialismus und Imperialismus. […] Die Kräfte des Imperialismus scheuten keine Mittel, um dem Sozialismus zu schaden, ihn aufzuhalten, ihn auf der politischen Landkarte wieder auszuradieren.“ (Quelle: Zentraler Ausschuss für Jugendweihe in der DDR (Hrsg.): „Vom Sinn unseres Lebens. Verlag Neues Leben, Berlin. 1983, S. 9f).

Deshalb strahlten mir die sozialistischen Staaten in farbigen Bildern aus dem Geographie-Buch entgegen, während die kapitalistischen Staaten nur in Schwarz-Weiß abgebildet wurden. Die Welt war gespalten und die Trennlinie ging mitten durch Europa.

Einseitige Horizonte

Ich hatte allerdings das große Glück nicht im „Tal der Ahnungslosen“ aufzuwachsen. Die Signale vom grenznahen TV-Mast auf dem Ochsenkopf im Fichtelgebirge erreichten uns. So konnten wir neben DDR1- und DDR2-Fernsehen auch „West“-Fernsehen, d.h. ARD und ZDF, sehen. So war mir die Welt hinter Mauer und Zaun nicht völlig fremd. Neben russischen oder tschechischen Märchenfilmen kannte ich eben auch „TKKG“, die „Muppet“-Show, „Denver“ und „Dallas“, westdeutsche Komödien mit Peter Alexander und Heinz Ehrhardt oder Filme aus der Traumfabrik.
Man sprach allerdings nicht über den „Kontakt“ mit dem Staatsfeind. In der Schule gab es schon Ärger, wenn ein Schüler mit einer Marlboro-Plastik-Tüte auftauchte.

Selbst ein Bild machen

Meine europäischen Auslandserfahrungen bis zur Wende waren auf Stippvisiten in die Ostblock-Länder Tschechoslowakei (Urlaub) und Polen (Schülerreise) beschränkt. Meine erste Europareise nach dem Mauerfall ging nach London. Die Bustour hatte meine Mutter zu meinem 18. Geburtstag für uns gebucht. Der Tower mit den Kronjuwelen, Tower Bridge, St‘ Paul’s Cathedral, Buckingham Palace, Harrods – es gab viel zu entdecken, was wir bis dahin nur aus Büchern oder dem Fernsehen kannten, und von dem wir kaum hatten hoffen dürfen, es jemals in der Realität zu sehen.

Drei Jahre nach der ersten Stippvisite fuhr ich mit der Fähre und drei Taschen von Hamburg nach Newcastle upon Tyne. In meiner Wohngemeinschaft wohnten noch sechs Engländerinnen. Auch meine Mitstudenten waren hauptsächlich Engländer. Als Austausch-Studentin kam ich aber auch durch ein von der Uni organisiertes Programm in Kontakt mit den anderen internationalen Studenten. Meine beste Freundin wurde eine Medizinstudentin aus der Türkei, die in einer bunten WG mit einer Schweizerin, einem Mädchen aus Ghana, einer Spanierin, einer Norwegerin und einer Engländerin mit indischen Wurzeln wohnte.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

In diesem Jahr habe ich drei wichtige Erfahrungen gemacht. Einerseits habe ich zum ersten Mal verstanden, wie es sich anfühlt, ein Ausländer zu sein, denn die Kulturen sind in vielen Dingen verschieden und ohne gemeinsame Geschichten ist es schwierig, eine Beziehung aufzubauen. Es braucht Offenheit von beiden Seiten, um daran arbeiten zu können, gemeinsame Wurzeln zu schlagen. Ich habe auch jedes Mal eine große Dankbarkeit gespürt, wenn sich Menschen letztendlich geöffnet haben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Wir hätten auch jeder unser eigenes Leben nebeneinander her leben können, ohne Berührungspunkte.

Zu den unvergesslichen Erlebnissen gehörten für mich persönliche Einladungen meiner Mitstudenten, ihrer Familien oder völlig fremder Menschen wie einer britischen Nonne, die zwei frierenden deutschen Studenten spontan eine Tasse Tee in ihrem Haus anbot. Ich weiß noch, wie wir uns verblüfft angeschaut und gesagt haben: „Das wäre uns in Deutschland nicht passiert.“ Oder mein britischer Mitstudent Dan, der einfach zwei Deutsche, eine Französin und einen Italiener in sein kleines Auto packte und mit uns an die nordenglische Küste fuhr, um uns das alte Kloster von Lindisfarne zu zeigen.

Diese Verschiedenheit ist gleichzeitig aber auch eine Bereicherung. Ich kann mich inzwischen für die englische Küche begeistern und liebe Strawberry Cheese Cake, Scones, Shortbread und Cadbury Chocolate. Meine damalige Mitbewohnerin Lucy schickt mir inzwischen jedes Jahr ein Weihnachtspaket mit typisch englischen Produkten.

Geschenk-Pakete aus Großbritannien

Allerdings konnten sich meine englischen Mitbewohnerinnen nie an die deutschen Kräutertees gewöhnt, die sie „funny“ fanden und die auf der Insel auch nicht als Tee gelten, sondern nur als „Herbal Infusion“. Ja, das Essen war immer ein Thema, ob es nun um türkisches Konfekt, belgische Schokolade oder holländische Tomaten ging.

In den Gesprächen ist mir allerdings auch aufgefallen, dass es trotz aller Unterschiede grundlegende Gemeinsamkeiten gab. Denn im Kern beschäftigten sich alle mit ähnlichen menschlichen Problemen: „Wie sind die Prüfungen gelaufen?“, „Wer hat Lust diesen oder jenen Film mit mir zu sehen?“, „Was kochen wir heute Abend?“, „Wann stelle ich meinen Freund meinen Eltern vor?“

Die Künstlerin Josephine Baker hat das auf den Punkt gebracht: „Die Menschen auf der Welt haben nicht dieselbe Hautfarbe, sprechen nicht dieselbe Sprache und leben nicht nach denselben Bräuchen, doch sie haben alle das gleiche Herz, das gleiche Blut und das gleiche Bedürfnis nach Liebe.“

Für Europa wünsche ich mir …

Wie heißt es im 1. Kapitel des Buchs „Vom Sinn unseres Lebens“: „Jeder Mensch wird in seine Zeit hineingeboren, in bestimmte gesellschaftliche Umstände, historische Beziehungen, unabhängig vom persönlichen Willen oder Wunsch. Schrittweise, von frühester Kindheit an, mit Hilfe der Eltern, später der Schule, der Pionierorganisation und der Freien Deutschen Jugend, durch eigenes Tun und Lernen, wird sich jeder der gesellschaftlichen Zusammenhänge seines Lebens, seiner eigenen Persönlichkeit, seiner Zeit immer mehr bewusst.“

Meine Neugier und meine positiven Erfahrungen haben meinen Umgang mit dem Fremden geprägt. Zu dem Auslandsjahr in Großbritannien haben sich noch andere schöne Erlebnisse gesellt, das Netz hat sich weiter gespannt. Dazu zählen Sprachferien im italienischen Trient, mit wahnsinnen netten Organisatoren, die sich ein Bein für die Studenten aus ganz Deutschland ausgerissen haben oder ein europäisches Jugendtreffen in Paris. Später kamen interessante Studienfahrten ins Baltikum oder nach Mähren dazu sowie Reisen zu Freunden in Griechenland, Norwegen, Belgien oder den Niederlanden. Es waren jedes Mal spannende Einblicke in den Alltag der Menschen in anderen Ländern.

Europa-Reisen

Ich hoffe, dass sich der Samen, der seit dem Mauerfall im gesamteuropäischen Raum gesät wurde, kräftige Wurzeln geschlagen hat, damit die Menschen in Europa sich ihrer Gemeinsamkeiten und ihrer Menschlichkeit erinnern, wenn es heißt, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen.

Besonders in dunklen Zeiten, sollten wir uns an das Gute erinnern, dass wir durch die europäische Einigkeit gewonnen haben, damit Europa ein glorreiches Morgen erlebt.

„Europa ist für mich Heimat und Fremde“: „Morning Glory“ ist mein Beitrag zur Blogparade „Europa ist für mich …“ | #SalonEuropa  des Museums Burg Posterstein  und meine Antwort auf die Frage „Wie bin ich mit Europa in Kontakt gekommen?“.

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12 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jan Bernigeroth sagt:

    ;o) herbal infusion….

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    >

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    1. Hatte ich mir auch gedacht 🙂 Aber ist doch schön, dass jedes Land seine Besonderheiten hat!

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      1. Gerade habe ich wieder etwas gelernt: Auch in Deutschland ist der Frucht- und Kräutertee nur ein „teeähnliches Erzeugnis“. Lang lebe das deutsche Lebensmittelrecht.

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    2. Es wird noch besser. Meine Tante, die sich in der Branche auskennt, hat mir gerade erzählt, dass Kräutertees auch in Deutschland eigentlich offiziell nicht als „Tee“ gelten, sondern als „Aufgussgetränk“.

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    3. Und noch eine Gewissensfrage: Wie trinkst du denn deinen Schwarztee? Gehörst du zur MIF- oder TIF-Fraktion. Auf der Insel beschäftigt das die Gazetten. Die Queen gehört zur TIF-Fraktion. Ich gebe zuerst die Milch in die Tasse, dann den Tee. Ich benutzte aber auch kein Porzellan, sondern Keramik. 😉

      Gefällt 1 Person

      1. Ich glaube, in den seltenen Fällen, dass ich mal Schwarztee trinke (ups, ich trinke eher diesen mittelalterlichen Kräutersud), ist der Tee zuerst in der Tasse 🙂

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      2. Ich trinke auch hauptsächlich grüne Tees auf „Aufgussgetränke“ 🙂 Da ich aber original „Yorkshire Tee“ besitzt, den mir Lucys immer schickt, ist auch ab und zu eine Tasse Schwarztee dabei und dann muss ich mich eben entscheiden.

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  2. Liebe Christiane,

    vielen Dank für diesen sehr persönlichen Einblick dazu, wie Du Europa kennengelernt hast – zuerst geteilt und dann die schrittweise Annäherung. Du beschreibst sehr schön, wie schwierig es manchmal ist, sich für Menschen zu öffnen, mit denen einem auf den ersten Blick, der gemeinsame kulturelle Hintergrund zu fehlen scheint – und dann die Erkenntnis, dass doch alle Menschen sich so ähnlich sind.
    Vielen Dank fürs Mitmachen bei der Blogparade #SalonEuropa, auf das sich auch hier im Blog noch interessante Gespräche dazu ergeben werden!

    Herzliche Grüße,
    Marlene

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  3. Tanja Praske sagt:

    Liebe Christiane,

    vielen herzlichen Dank für deine Gedanken zur Blogparade #SalonEuropa – der 3. mittlerweile – wir sind freudig überrascht!

    Über das Fremde lernt man/frau besser das eigene Land zu wertschätzen. Sich einmal als Fremde zu fühlen, sich auf andere Mentalitäten einzulassen lässt anders reifen. Dazu eignet sich ein Studienjahr im Ausland sehr gut. Ich war zwei Jahre nach dir in Paris für ein Jahr – die absolut schönste Zeit und tatsächlich kam ich anders wieder zurück: offener und neugieriger und vielleicht auch geduldiger?! In jedem Fall war das die beste Erfahrung und eine Zeit, die ich niemals missen möchte. Kann dir da also gut nachvollziehen. Jedoch hattest du als in der DDR Aufgewachsene noch ganz andere Hintergründe. Danke für die Teilhabe daran!

    „Besonders in dunklen Zeiten, sollten wir uns an das Gute erinnern, dass wir durch die europäische Einigkeit gewonnen haben, damit Europa ein glorreiches Morgen erlebt.“

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!

    Herzlich,
    Tanja von KULTUR-MUSEUM-TALK

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Tanja,
      Paris am Neujahrstag und ein Mittagessen in einer Großfamilie mit ihren russischen, italienischen und deutschen Gästen. Diese Erfahrung wird mich auch immer begleiten.
      Vor wenigen Jahrzehnten noch war die europäische Kultur von Krieg, Vertreibung, Aufrüstung, Negativpropaganda … geprägt. Meine Großeltern und Eltern haben ganz andere Geschichten erlebt.

      Die Idee meine persönliche Sicht zu erzählen, war gar nicht von Anfang an da. Sie ist langsam gereift. Im Schreibprozess hatte ich das Gefühl, das sie wichtiger ist als alle Theorie.
      Eine Verbindung zu einem anderen Menschen und seinem Leben kann ich ja immer nur über meine Menschlichkeit, mein Einfühlungsvermögen herstellen.

      Und man lernt so unglaublich viel über den anderen und sich selbst, wie du sagst. Man erfährt viel über die eigenen Wurzeln, wird sich seiner eigenen kulturellen Identität bewusst, lernt, dass Vielfalt auch Bereicherung heißen kann, weil man gezwungen ist eingefahrene Routinen und damit seine eigenen Grenzen zu verlassen.

      Ich denke, wir brauchen mehr Mut zum Mensch sein. Es sind eher die emotionalen Gräben, die wir überwinden müssen. Es ist wie in jeder Beziehung. Erst einmal muss ich den Mut haben, auf den anderen zuzugehen, mich zu öffnen für das Nicht-Vertraute, dann kann ich eine Brücke schlagen – für Europa.

      Es hat mir Freude bereitet, meinen Beitrag zum #SalonEuropa zu verfassen. Herzliche Grüße, Christiane

      Gefällt 1 Person

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