Unser täglich Brot

Nur spärlich erhellen Straßenlampen die kleine Dorfstraße an diesem tristen Novembermorgen. Vor einem der Häuser, an einer schmalen Kreuzung, hat sich bereits um halb sechs eine lange Menschenschlange gebildet. Die Stimmung ist gut. Einige haben sich lange nicht gesehen und tauschen den neuesten Klatsch und Tratsch aus. Geduldig harren Landarbeiter, Hausfrauen und Rentner in Kälte und Dunkelheit auf die Öffnung der kleinen Ladentür in dem grauen Steinhaus.

Burg und Dorf Posterstein
Historische Aufnahme von Posterstein mit der Bäckerei im Vordergrund (links unten).

Hinter den grünen Fensterläden wird schon seit Stunden geschäftig gearbeitet. Am Vorabend hat Bäckermeister Horst den Brotteig im Bottich vorbereitet, den er nun seit vier Uhr weiter bearbeitet. Zeitgleich beschäftigt er sich mit der Zubereitung des Semmelteigs. Bereits um halb drei begann das Anheizen des Altdeutschen Backofens. Im Laufe der Nacht muss immer wieder Kohle nachgelegt werden, um dem Ofen auf die nötige Backtemperatur von 400 Grad Celsius zu geben.

Seit fünf Uhr sind auch seine Frau Hilde und der neunundsiebzig Jahre alte Vater Paul auf den Beinen, um beim Walken des Teigs zu helfen. Fünfzehn Minuten brauchen die ersten dreitausend Brötchen des Tages, bis sie für die Käufer bereit sind. Gegen sechs Uhr holt Bäcker Horst die ersten aus dem Ofen.

Dann reiht sich zwischen Ofen und Laden ein Brotkorb an den nächsten. Wenn die Bäckersfrau um halb sieben den circa elf Quadratmeter großen Verkaufsraum öffnet, ergießt sich ein Schwall hungriger Nachtschichtler und Frühaufsteher in den Laden. Dann muss alles schnell gehen. Die Kundenwünsche werden angehört, Brötchen und andere Artikel eingetütet, im Kopf schnell alles zusammengerechnet, der nächste bitte. So geht es die kommenden zweieinhalb Stunden. Bald werden alle Brötchen verkauft sein. Jedes Stück zu fünf Pfennig, so waren die Preise Ende der siebziger Jahre in der DDR. Die nächsten 1800 goldgelben Semmeln kommen gegen zwölf Uhr aus dem Ofen.

Vom Brei zum Brot war es ein langer Weg. Denn bevor die Menschen überhaupt auf die Idee kamen, zerquetschte Getreidekörner und Wasser zu verrühren, aßen sie die Körner roh. Doch das schmeckte nicht so recht, nicht mal geröstet, und war auch noch schwer verdaulich. Die Erfindung des Breis war da schon ein Quantensprung in der „Haute Cuisine“, denn der konnte mit den verschiedensten Zutaten wie Honig, Beeren und Pilzen wunderbar abwechslungsreich gestaltet werden. Eine Nachlässigkeit war wahrscheinlich die Ursache für die Erfindung des Brotes, denn, bäckt der Brei auf einem heißen Stein fest, so entsteht ein Fladenbrot. Und wird der Teig nicht sofort verbacken, denn entsteht durch Teiggärung der wunderbar lockere Sauerteig. Historiker datieren die Entdeckung des Brotbackens auf die späte Jungsteinzeit vor fast 6000 Jahren. Im Laufe der Jahrtausende wurden die Rezepturen immer mehr verfeinert. In Deutschland ist der Bäckerberuf bereits seit der Zeit Karls des Große (768 – 814) bekannt. Zu Zünften, die „Brotfrevler“ streng bestraften, sowie für die Ausbildung der Lehrlinge sorgten, schlossen sich Bäcker im 12. Jahrhundert zusammen. Es entstanden Spezialisierungen wie die der „Schwarz- und Weißbäcker“ oder der „Lebküchner und Pfefferküchler“. Aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz schöpfen Bäcker noch heute Ideen für die über 300 Brotsorten und circa 1200 Kleingebäcke, die sie in Deutschland produzieren.

Sein Handwerk hat Horst mitten im Zweiten Weltkrieg auf der Berufsschule und im väterlichen Betrieb gelernt. Den gab es da schon seit 1881, als Großvater Franz das Haus in der Dorfstraße kaufte. Seit dieser Zeit belieferte der Familienbetrieb den Ort und die Gemeinden der Umgebung. Mit dem Hundewagen, später mit dem Auto und nach dem Krieg mit dem Pferdewagen, boten sie Misch-, Roggen- und Schwarzbrot und Brötchen an jedem Gehöft an.

Im eigenen Laden wurden außerdem Milchbrötchen, Mohn- und Zuckerschnecken sowie Blechkuchen wie Zucker-, Streusel-, Mohn-, Quark-, Johannisbeer- und Rhabarberkuchen verkauft. Außerdem gab es Marmelade, Butter, Bohnenkaffee, Wein und Schnaps, Mehl, Zucker, Salz und Graupen, aber auch Schokolade und Bonbons für die ganz süßen Mäuler. Die Kleinen liebten am meisten die leckeren Mollis für fünf Pfennige.

War der erste Schub Semmeln raus, schob Horst die Brote in den Ofen, die er gegen elf Uhr knusprig braun gebacken mit dem Schieber wieder herausholte. Fünfzig bis siebzig Dreipfünder buk er so täglich in bis zu drei Schichten. Zwischendurch musste immer wieder das Feuer erneuert werden. Nach Semmeln und Brot waren das Gebäck und der Kuchen dran. Muskeln waren die wichtigste Arbeitskraft in der Backstube. Nur den Teig bearbeitete seit 1925 eine Drehhebelknetmaschine vor.

Der Verdienst für so viel Arbeit war gering: Weniger als 600 Ostmark sah der Leichtindustrietarif der DDR für Bäcker vor. Eigenständig bestimmen durfte der Selbstständige nicht über sein Gehalt. Niemand sollte mehr verdienen als in der volkseigenen Industrie. Für die mithelfende Ehefrau gab es nur 200 Ostmark, trotz der knapp 60-Stunden-Arbeitswoche. Den Rest des Umsatzes kassierte der Fiskus.

Opa und Christiane im Garten
Opa Horst und Enkelin Christiane im Garten.

War das Tagwerk in der Bäckerei getan, wartete schon die kleine Landwirtschaft, die zum Haushalt gehörte. 1945 hatte Vater Paul einen Garten am Ort gekauft, „damit, wenn der Horst mal heiratet, die junge Frau was zu tun hat,“ hieß damals seine Begründung. Zum Garten gehörten zwei Wiesen, ein Rüben- und Kartoffelacker, Obstbäume und –sträucher sowie Gemüsebeete. Hier wurde alles angebaut, was entweder in dem Vier-Generationen-Haushalt auf den Tisch kam, oder was man für diverse Kuchenbeläge sowie die Fütterung von zwei hauseigenen Ochsen, zwei Schweinen und mehrerer Hühner brauchte.

Ruhe kehrte erst gegen zehn Uhr abends ein, bis zum nächsten Morgen um halb drei.

Der backende Schriftsteller: „Teig kneten, Brot backen, es den Leuten verkaufen – war’s das, was ich mir wirklich wünschte? War’s das für ein Leben lang?“ Für den Bäckergesellen Erwin Strittmatter (1912 – 1994) aus Bohnsdorf in der Lausitz lautete die Antwort: Nein. Lieber verdingte sich der begabte junge Mann als Lokalredakteur bei der „Märkischen Volksstimme“. 1952 machte er sich als Schriftsteller selbstständig. Die Ideen für seine Arbeiten bezog er aus seiner ländlichen Herkunft. Und mit der Romantrilogie „Der Laden“ setzte er seiner Familie ein Denkmal. Mittelpunkt der Erzählung ist das Bäckereinanwesen mit Ladengeschäft in Bossdom. Hier wächst Esau Matt Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn des Bäckermeisters Heinrich und seiner Frau Lehnchen auf. Mit Hilfe eines Gucklochs zwischen Backstube und Verkaufsraum beobachtet der kleine Esau das Treiben in dem mit Regalen vollgestellten Laden. Die sind bestückt mit Dreipfundbroten, vierteiligen Semmeln, Maggiwürfeln und Schokoladentafeln, Bonbongläsern und Zigarettenschachteln – eben allem, was die Landgemeinde zum Leben so braucht. Nebenbei sieht und hört Esau die langweiligen und aufregenden Geschichten, die jeder Dorfbewohner zu erzählen hat. „Der Laden“ ist ein Kaleidoskop deutscher Geschichte, von der Weimarer Republik bis in die Zeit der DDR.

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. derbaum sagt:

    danke – ein so schönes zeitgemälde! (und der laden ist eh grandios, auch die verfilmung!)

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    1. Herzlichen Dank für das nette Lob 🙂 Die Wurzeln prägen uns.

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      1. derbaum sagt:

        gern doch, vor allem wenn es so berechtigt ist 😉 (hattet ihr auch einen anderthalbmeter-grossmutter?) – das stimmt! das mit den wurzeln!

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      2. Was ist denn eine anderthalbmeter-grossmutter?

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      3. derbaum sagt:

        😀 – hast du den laden nicht gelesen? esaus oma wurde die anderhalbmeter-grossmutter genannt…

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      4. Nein, ich gebe zu, dass ich „Den Laden“ selbst nicht gelesen habe. Ich habe die Geschichte mit in meine Erzählung reingenommen, weil mein Großvater natürlich begeistert davon war und weil es ein Spiegel der eigenen Geschichte ist. Ich selbst habe Eva und Erwin Strittmatters Buch „Du liebes Grün. Ein Garten- und Jahreszeitenbuch“ (https://wasliestdu.de/eva-strittmatter-erwin-strittmatter/du-liebes-gruen). Das passt auch gut zu deinen stimmungsvollen Fotografien. Und herzlichen Dank fürs Empfehlen und Verlinken 🙂 Christiane

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      5. derbaum sagt:

        danke dir! dann hast du jetzt einen buchtip für lange winterabende oder auch für einen langen filmnachmittag (sind 3 teile). und ich gugg mal nach dem lieben grün… 😉

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      6. Genau, so machen wir’s 🙂

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